Don Victory, aus Syrien nach Deutschland geflüchteter Rapper, im Gespräch über den »Islamischen Staat«, Berlin und Rapmusik

»Du kannst sagen, was du möchtest«

Der syrische Musiker Ahmed al-Halaq ist nur knapp den Gräueltaten des »Islamischen Staats« entkommen. Mittlerweile lebt er in Berlin und rappt unter dem Pseudonym Don Victory über Hacker, Freundschaft, Drogen und sein neues Leben. Derzeit arbeitet er an neuen Beats und versucht dabei, Einfluss auf den Wiederaufbau Syriens zu nehmen.

Seit wann lebst du in Deutschland?
Ich bin vor circa drei Jahren in Deutsch­land angekommen. Die Hälfte meines Weges legte ich dabei zu Fuß zurück. Die Warschauer Straße war einer der ersten Orte in Berlin, an denen ich mich nach einem langen Fluchtweg erstmals wieder zu Hause gefühlt habe. Ich traf dort andere Musiker, andere Syrer, neue Freunde. Es fühlte sich an wie ein Volltreffer. Mittlerweile ist Berlin meine neue Heimat geworden. In meiner Heimstadt Raqqa hatte ich nie die Möglichkeit, durch meine Musik meine ­Botschaften unter die Menschen zu bringen. In Berlin kann ich viel mehr machen.

Wie bist du in Berlin gelandet?
Als 2013 die Einheiten des sogenannten Islamischen Staats nah an meine Heimatstadt herankamen, musste ich Syrien schleunigst verlassen. Der IS kam nicht aus Raqqa, sondern kam nach Raqqa. Tausende Kämpfer sind zu diesem Zeitpunkt nach Syrien eingeströmt, auch Deutsche waren darunter. Vom (mittlerweile vermutlich toten; Anm. d. Red.) Rapper Deso Dogg habe ich sogar noch in Raqqa gehört, als ich seine früheren Rap-­Videos verfolgte. Damals hielt ich ihn eigentlich für einen guten Rapper – plötzlich kämpfte er dann für den Jihad. Das war weird.

Was waren die größten Hindernisse auf deiner Flucht?
Nachdem ich mehr als ein Jahr unter der Herrschaft des »Islamischen Staats« gelebt hatte, verließ ich Syrien und lebte rund ein Jahr in unterschiedlichen Städten. Ich musste viel arbeiten, konnte mich deswegen nicht weiter um meine Projekte kümmern. So entschloss ich mich, nach Deutschland weiterzuziehen, und lernte dabei auf meinem Weg sehr viele Menschen kennen, mit denen ich über das Meer nach Griechenland und Mazedonien und zu Fuß über Serbien, Ungarn, Österreich schließlich nach Deutschland marschierte. Zu manchen von ihnen habe ich noch heute Kontakt. Natürlich ist der IS mittlerweile besiegt, aber der Wiederaufbau wird noch lange dauern. ­Eines Tages möchte ich auch wieder zurückkehren. Aber ich bin sehr glücklich darüber, dass ich hier erstmal bleiben kann.

In den vergangenen Wochen wurde in Deutschland eine heftige Debatte darüber geführt, ob Deutsche mit ausländischer Herkunft im Alltag, aber auch in ihren Berufen, etwa als Fußballspieler, diskriminiert werden. Wie ergeht es dir als Syrer in Berlin?
Es fühlt sich hervorragend an, in einer so aufregenden Stadt wie Berlin ­leben zu können. Vor allem nach all dem, was ich durchgemacht habe. Natürlich war nicht alles einfach: Es hat drei Jahre gedauert, bis ich meinen Aufenthaltstitel bekommen habe. Und viele meiner Freunde sind über ganz Deutschland verstreut. Aber der Moment, als die griechische Küs­tenwache unser Boot an die Küste Griechenlands begleitete – von da an wusste ich: Jetzt bin ich sicher. Und so fühle ich mich auch in Deutschland. Viele Deutsche haben mir geholfen, hier mein Leben zu leben und meinen Projekten nachzugehen. Auf dem Weg nach Europa habe ich das erste und letzte Mal zu Gott gebetet, dass er mich auf meiner Reise begleiten solle. Mittlerweile bedanke ich mich vor allem bei den Deutschen, die mich in Berlin sehr herzlich empfangen haben.

Wenn ich Angela Merkel treffen würde, würde ich sie um nichts bitten, weil sie mir schon genug geholfen hat. Sie um noch mehr anzuflehen, würde mich nur beschämen. Die Deut­schen haben mir geholfen, eine neue Heimat zu finden. Den Rest müssen wir schon selbst erledigen. Auch in Europa hat man lange gebraucht, um Freiheit und Demokratie richtig zu verstehen. Eines Tages werden wir das in Syrien auch erreicht haben.

Hast du den Anspruch, mit deiner Musik etwas zu verändern?
Ich glaube nicht, dass Musik unsere Probleme lösen kann. Deshalb singe ich auch viel über das alltägliche Leben in Berlin oder über meine Erfahrungen auf dem Weg nach Europa. Oder über Drogen, Hacker oder Freundschaften. Wichtig ist auch: Jeder kann es hier schaffen. Hingegen herrscht in Syrien bereits seit vielen Jahren ein religiöser Krieg, religiöse Sektiererei, von der die Klientelherrschaft profitiert hat. Deutschland hingegen bietet Möglichkeiten und Chancen – ich würde mir wünschen, dass es in Syrien auch eines Tages so wäre. Und das sehen viele meiner deutschen, aber auch meiner arabischen Fans so. Manche davon kennen mich noch aus Raqqa und begleiten mich bis heute auf meinem Weg.

Wie ist dein persönliches Empfinden, wenn du über Syrien nachdenkst? Was möchtest du deinen Freunden in Syrien mit deiner Musik mitteilen?
In vielen arabischen Ländern hat man das Prinzip der Freiheit bis heute nicht verstanden. In meiner Heimat herrscht eine Diktatur, es herrscht keine Freiheit. Syrien wird zerrissen – und das von vielen Seiten aus. Aber das ist nicht die Schuld der Jugend, sondern die Folge autoritärer Politik, mit der viele nichts mehr zu tun haben wollen. Ich möchte dazu beitragen, Syrien wieder aufzubauen. Aber um das erreichen zu können, muss viel passieren. Man muss sich einigen und zusammenhalten. Du kannst nicht klatschen, wenn eine deiner beiden Hände gefesselt ist, sage ich immer. Das heißt auch, dass ich selbst noch einiges erreichen muss, bevor ich zurückgehe. Denn wie soll ich in dem Zustand, in die­ser Situation, in der ich mich befinde, etwas Gutes beitragen?

Worin liegt für dich der signifikanteste kulturelle Unterschied ­zwischen deinem Leben in Syrien und in Deutschland?
Hier kannst du über alles singen, über alles schreiben, du kannst ­sagen, was du möchtest. Diese Grundfreiheit ist essentiell für ein funk­tionierendes Zusammenleben. Im Gegensatz zum Leben unter einer Diktatur bietet das Leben in einer funktionierenden Demokratie sehr viel mehr Vorteile und Chancen. Hier bekommst du Unterstützung von ­allen Seiten – vom Staat, von der Gesellschaft, manchmal sogar von der Polizei. Daran musste ich mich auch erst einmal gewöhnen. In meiner Heimat wirst du umgebracht, wenn du etwas Falsches sagst. Wenn du hier das System respektierst, respektiert man dich auch.

Gibt es eine große exil-syrische HipHop-Community in Berlin?
Hier kann man kann viele Menschen aus der internationalen Musikszene kennenlernen. Ich habe auch bereits in Aachen auf einigen Events gespielt. Im August spiele ich in Berlin auf einem Konzert, dessen Gewinne an ein Projekt zum Wiederaufbau Syriens gehen. Hier tut sich einiges. Das Wichtigste ist jedoch, dass ich hier über Youtube und Soundcloud meine Musik promoten kann. Das ging in Syrien früher nur eingeschränkt – und durch den IS irgendwann gar nicht mehr.

Am 23. August wird Don Victory im Rahmen des Benefiz-Konzerts Raving Lebanon im Crack Bellmer auf dem RAW-Gelände in Berlin auftreten. Die DJ-Gagen und Erträge aus der Spendenbox auf der Party fließen direkt in das Projekt »Help for Syrian ­Refugees in Lebanon«. Außerdem werden Fotos der Künstlerin und Fotojournalistin Ina Felina ausgestellt, die sie bei einem Besuch von drei Refugee-Camps in der libanesischen Bekaa-Ebene während ihrer vorletzten Libanon-Reise aufgenommen hat.

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