Porträt - Der Kardinal Ricardo Ezzati steht in Chile wegen Vertuschung von Kindesmissbrauch durch hohe katholische Geistliche vor Gericht

Beten und vertuschen

Es ist beileibe nicht das erste Mal, dass Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt werden. Doch das Ausmaß schockiert jedes Mal aufs Neue. Es scheint, als wäre dieser Traditionsverein mit den schrägen Kostümen und Ritualen ein riesiger Ring für Kindesmissbrauch und weitere Verbrechen. Schlagzeilen machen derzeit nicht nur der Prozess gegen George Pell, den – mittlerweile beurlaubten – Leiter des Wirtschaftssekretariats der Römischen ­Kurie, dem sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in Australien vorgeaworfen wird, und die Vorlage des Berichts zu Missbrauchsfällen im US-Bundesstaat Pennsylvania, dem zufolge mindestens 1 000 Kinder von über 300 katholischen Priestern missbraucht wurden, sondern auch die Ermittlungen in Chile.

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Vergangene Woche wurden die Büros der chilenischen Bischofskonferenz in der Hauptstadt Santiago de Chile durchsucht. Kardinal Ricardo Ezzati, dem Erzbischof von Santiago de Chile, sowie anderen hohen Geistlichen, unter anderem seinem Vorgänger Kardinal Francisco Javier Errázuriz, wird die Vertuschung von Missbrauchsfällen vorgeworfen. Am Dienstag sollte Ezzati vor Gericht als Beschuldigter aussagen – das erste Mal, dass dies in Chile ein Kardinal tun muss. Der Termin wurde jedoch kurzfristig verschoben.
Bereits 2015 hatten chilenische Medien eine E-Mail-Korrespondenz zwischen Ezzati und Errázuriz veröffentlicht, die nahelegte, dass die beiden im Fall des 2011 wegen sexuellen Missbrauchs angeklagten Priesters Fernando Karadima etwas vertuschen wollten. Nun geht es um andere hohe Geistliche, deren Vergehen Ezzati aus kircheninternen Ermittlungen bekannt ge­wesen sein sollen, die er allerdings nicht weiter verfolgt haben soll, weil er die Anschuldigungen nicht für glaubwürdig hielt. Wird der Glaube von katholischen Priestern auch noch so vehement gepredigt, glaubt man ihren Opfern nicht so gern. Juristisch verurteilt wurde Karadima wegen Verjährung nicht, sondern vom Vatikan nur zu Buße und Gebeten in Abgeschiedenheit angehalten. Ezzatis erste Strafe ist nun, dass er die Messe zum chilenischen Nationalfeiertag am 18. September nicht mehr halten darf. So ein Auftrittsverbot ist im stark katholisch ­geprägten Chile immerhin ein Anfang.

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