Die Verwirrung in Bezug auf die Begriffe »race« und »class«

Race, Class, Confusion

In den Diskussionen in den USA über die Antidiskriminierungsmaßnahme »affirmative action« kommt Armut nicht vor.

Donald Trumps Inszenierung als Anwalt einer vage definierten US-amerikanischen working class, der silent majority und ähnlicher diffus bleibender Gruppen funktionierte besonders gut in Opposition zur Konkurrentin Hillary Clinton, die als Vertreterin eines ebenso diffus bleibenden »Establishments« gesehen wurde. Diese Inszenierung wird gerne als Erklärung für Trumps Wahlerfolg herangezogen, häufig begleitet von dem paternalistisch-wohlmeinenden Hinweis, dass die »kleinen Leute« doch Trump gegen ihre Interessen gewählt hätten – ungeachtet dessen, dass Analysen des Wahlverhaltens vielmehr den Schluss nahelegen, dass Arme zur Wahlabstinenz tendieren.

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Wenn Trump von der »Arbeiterklasse« spricht, denkt man sofort: »Aha, Weiße!« Wie erklärt sich eigentlich diese Amalgamierung der doch zunächst getrennten Kategorien class und race? Eine Erklärung liegt in der verbreiteten, aber für die USA besonders charakteristischen Gewohnheit, soziale Probleme in erster Linie als Probleme von Diskriminierung zu artikulieren.

Dies lässt sich am Beispiel von reverse discrimination und Trumps Haltung zur affirmative action veranschaulichen. Bei affirmative action handelt es sich um ein sozialpolitisches Korrektiv aus der Kennedy-Ära, das kompensatorisch auf strukturelle Asymmetrien rassistischen Ursprungs einwirken sollte. In einer Grundsatzentscheidung des Supreme Court im Fall Regents of the University of California v. Bakke im Jahr 1978 wurde die weitere Bedeutung, Reichweite und Funktion von affirmative action festgeschrieben.

Die Geschwister Barbara und Karen Fields argumentieren, Antidiskriminierungsmaßnahmen führten dazu, dass mit ihrer Thematisierend sozialer Disproportionalität einhergehend ökonomische Ungleichheit als ein Faktor aus dem Blick gerät.

Allan Bakke, ein weißer Amerikaner, hatte zweimal vergeblich versucht, ein Medizinstudium an der University of California aufzunehmen, die damals noch 16 Prozent der Studienplätze für Angehörige von Minderheiten vorbehalten hatte, eine Praxis, in der er eine verfassungswidrige »umgekehrte Diskriminierung« zu erkennen meinte. Im Urteil wurde Bakke zum Teil recht gegeben – strikte Quoten wurden abgelehnt, affirmative action wurde aber unter dem Aspekt der Förderung von diversity als legitim bestätigt. Nach der noch gültigen Gesetzeslage steht es zum Beispiel Universitäten frei, race als positives Auswahlkriterium bei der Studienplatzvergabe gelten zu lassen.

Die Legalität und Verfassungsmäßigkeit solcher Verfahren werden von US-amerikanischen Konservativen regelmäßig aufs Neue in Frage gestellt, so wenig überraschend auch von Trump, der jüngst einige entsprechende Richtliniendokumente aus der Obama-Ära annullierte. Begründet wird dies in der Regel wie im Fall Bakke mit der Figur der umgekehrten Diskriminierung, die in der leistungslosen Bevorteilung von nichtweißen Minderheiten bestehe.

Hier lässt sich bereits erahnen, wie diese spezifische soziale Alchemie funktioniert. Für jeden Studenten, der im Rahmen von affirmative action eine Elitehochschule besuchen darf, bleibt ein nicht als minoritär markierbarer auf der Strecke – daher die vermeintliche Schlüssigkeit der heimlichen Gleichsetzung von class und race, vor allem in einer wirtschaftlichen Situation, die von wachsender Armut, stagnierender sozialer Mobilität und stetig größer werdenden Einkommensunterschieden gekennzeichnet ist. Die Lösung, einfach mehr Studienplätze bereitzustellen, wurde bereits im Fall Bakke von einer unteren Instanz als »unrealistisch« abgeschmettert. Der Verteilungskampf um die so verknappte Ressource höhere Bildung, der sich im Für und Wider von affirmative action ausdrückt, hat also den Charakter eines Nullsummenspiels, bei dem alle Parteien die Karte der Diskrimierung spielen.

So ist es nicht nur das »weiße« Amerika, das sich durch affirmative action benachteiligt sieht. Derzeit führt die asiatisch-amerikanische Interessengemeinschaft Students for Fair Admissions, vertreten durch den als konservativ geltenden Aktivisten Edward Blum, einen Prozess gegen die Harvard University. Der Vorwurf lautet, dass die Universität mittels einer heimlichen Quote systematisch asiatisch-amerikanische Bewerber benachteilige, ähnlich wie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit jüdischen Bewerbern verfahren wurde. Begründet wird der Verdacht auf der Website der Gruppe mit dem überproportional schlechteren Abschneiden asiatisch-amerikanischer Bewerber beim Kriterium »persönliche Beurteilung« in Harvards »ganzheitlichem« Auswahlverfahren, in das nach Maßgabe von affirmative action ausdrücklich das Kriterium race einfließen darf, während sie in den Bereichen »akademische Fähigkeiten« und »außerschulische Aktivitäten« überdurchschnittliche Bewertungen vorweisen könnten.

Dies wirke nicht nur fadenscheinig, sondern setze außerdem einen Teufelskreis der Stereotypisierung in Gang, wie ein Gerichtssachverständiger im Auftrag der Asian American Coalition for Education argumentierte. Um das schlechte Abschneiden im Bereich »Persönlichkeit« mit noch besseren Leistungen in den anderen beiden Bereichen zu kompensieren, müssten asiatisch-amerikanische Bewerber besonders intensiv Tugenden wie Strebsamkeit kultivieren, die in der Figur des »asiatischen Nerds« ohnehin schon zum Repertoire der negativen Zuschreibungen gehörte. Entgegen der verbreiteten Annahme, dass hier mehr und mehr mit den Verteidigern des »weißen« Status Quo kollaboriert wird, unterstützt der Großteil der asian americans zwar das Prinzip von affirmative action; dennoch, so der Politologe Karthick Ramakrishan, seien sie in der Lage, das System zu sprengen. Das ist möglich, weil sie ­ als ethnische Minderheit sein Prinzip ad absurdum führen können, da in ihrem Fall paradoxerweise auf Diskriminierung (durch heimliche Quoten) zurückgegriffen werden muss, um Diversitätsvorgaben zu erreichen.

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