Der Missbrauchs­skandal bei USA Gymnastics

Unerwünschte Aufklärung

Der US-Turnverband zeigt sich wenig interessiert, den durch Funktionäre mindestens 20 Jahre lang gedeckten Missbrauch junger Athletinnen vollständig aufzuklären.

Ist der US-Turnverband USA Gymnastics (USAG) überhaupt in der Lage, sich zu reformieren? Wird er in den nächsten Monaten einfach zusammenbrechen? Vielleicht entsteht sogar ein Präzedenzfall im Spitzensport. Prominente Turnerinnen hatten allen Versuchen der Funktio­näre, sie zum Schweigen zu bringen, getrotzt und dazu beigetragen, dass das Jahrzehnte währende und stets vertuschte missbräuchliche Ver­halten des Mannschaftsarztes Larry Nassar aufgedeckt wurde. Diese Athletinnen, an ihrer Spitze die Goldmedaillengewinnerin Aly Raisman, sind mit den bisher ergangenen ­Gerichtsurteilen aber noch nicht zufrieden. Denn der Verband war bis zuletzt mehr an Schadensbegrenzung denn an juristischer Aufarbeitung interessiert, und so beharren die Sportlerinnen vehement auf einer gründlichen Reorganisation des ­Verbands.

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Schon zwei neue Präsidentinnen haben sie mit Hilfe der Öffentlichkeit wieder gestürzt, weil sie dem alten, korrupten System zu sehr verbunden waren; immer mehr Mitglieder der alten Führungsriege müssen sich daher juristisch verantworten. Und so erschreckend das Ausmaß ist, so sehr wächst die Hoffnung, dass die Opfer sexuellen Missbrauchs sich diesmal nicht zum Schweigen bringen lassen, dass es einen Neubeginn geben könnte, während die alten Amts­träger einer nach dem anderen ins Gefängnis wandern. Ein solcher ­Neuanfang könnte auch ein Vorbild für andere Sportarten liefern.

Die USAG-Interimspräsidentin, Mary Bono, trat Anfang Oktober nach nur vier Tagen im Amt zurück. Sie hatte zuvor für eine Anwaltskanzlei gearbeitet, die an der Vertuschung des Missbrauchsskandals beteiligt war.

Immer wieder hat der Verband versucht, den Missbrauchsskandal kleinzureden und Beweise verschwinden zu lassen. Am 17. Oktober wurde der ehemalige USAG-Präsident Steve Penny verhaftet, den wegen Mittäterschaft eine Gefängnisstrafe erwarten könnte. Penny soll angeordnet haben, belastende Dokumente zum Missbrauch auf der ­Karolyi-Ranch in Texas zu entfernen, um Nassar zu schützen. Larry Nassar, der mindestens 250 junge Menschen sexuell missbraucht haben soll, ist mittlerweile in mehreren Fällen schuldig gesprochen worden und wird den Rest seines Lebens wohl hinter Gittern verbringen. Auf der Karolyi-Ranch hatte der lang­jährige Teamarzt ungestört Turnerinnen sexuell belästigen und missbrauchen können. Die verschwundenen Dokumente sind noch nicht ­wieder aufgetaucht. Penny drohen bis zu zehn Jahre Haft.

Lange nach Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle versuchen Verbandsmitglieder immer noch systematisch, den Umfang der Ver­brechen zu verschleiern. Gänzlich unerwartet kam dies nicht: In eng verflochtenen und gut abgeschirmten Institutionen wie Sportverbänden sind die Abhängigkeiten groß, man hält zusammen, solange es gegen die Außenwelt geht. Das Image ist ­offenbar weiterhin wichtiger als die Wahrheit. Und so sehr sich die ­Berichterstattung auf Nassar konzentrierte, so ist er doch nur der Extremfall in einem Verband, in dem man sich vieles erlauben konnte, ­sofern man über die richtigen Netzwerke verfügte.
Im September ist die ehemalige USAG-Trainerin Debbie Van Horn verhaftet worden, sie soll ein Kind sexuell missbraucht haben.

Zwei Mitarbeiter des Michigan State College, die eng mit Nassar zusammenarbeiteten, wurden ebenfalls festgenommen. Die ehemalige Trainerin Kathie Klages soll im Ermittlungsverfahren mehrfach falsch ausgesagt haben: Sie hatte behauptet, vor 2016 von Nassars Verbrechen nichts gewusst zu haben, war jedoch laut mehrerer Zeugenaussagen schon seit mehr als 20 Jahren informiert.

William Strampel, Dekan an der Michigan State University, wurde im März wegen sexu­ellen Missbrauchs von Studentinnen angeklagt. Die USAG-Interimspräsidentin, Mary Bono, trat Anfang Oktober nach nur vier Tagen im Amt ­wegen großen öffentlichen Drucks zurück.

Die Turnerinnen haben innerhalb von drei Jahren aufgedeckt, dass der Missbrauchsskandal vermutlich noch mehr Fälle umfasst, als in den Ermittlungen aufgedeckt wurden. Und sie haben die Aufklärung gegen ­erheblichen Widerstand durchgesetzt. Der Verband ist darüber zerbrochen, ein Neuanfang steht noch aus. Abgeschottete Strukturen wie das DDR-Dopingsystem zeigen, wie schwierig

Aufklärung ohne äußeren Druck ist. Es braucht Jahre, um Änderungen durchzusetzen; möglich aber ist es.
Vor allem Bonos Fall unterstreicht, dass der nationale Dachverband sein Machtmonopol verloren hat. Mary Bono, eine Frau aus der alten Garde des USAG-Establishments, war die Wunschkandidatin des Verbands. Sie sprach von Aufklärung, ist aber verbunden mit der Anwaltskanzlei Faegre Baker Daniels, die nach 2015 half, Nassars Verbrechen zu ver­tuschen.

Die ehemalige republikanische ­Abgeordnete gehörte zu jenen Leuten, die auf Twitter Fotos ihre übermalten Nike-Schuhe posteten, nachdem das Unternehmen eine Werbekampagne mit dem schwarzen Aktivisten und ehemaligen NFL-Profi Colin Kaepernick startete. Schlüssig begründen konnte sie ihren Tweet nicht. Bonos Nominierung war eine verständliche Personalentscheidung für einen Verband, der Reformwilligkeit lediglich vorschützt. An die Spitze kam sie, aber die Basis brachte sie zu Fall.

»Sie schulden mir eine Erklärung, warum Sie und Ihre Firma Nassar 2016 erlaubt haben, mich zu missbrauchen, obwohl Sie damals genau wussten, dass er kleine Mädchen missbraucht«, twitterte etwa die betroffene Turnerin Kaylee Lorincz. »Das ist eindeutig keine neue USAG«, schrieb Aly Raisman. »Dieselben ­korrupten Entscheidungen.« Sie mutmaßte, man habe Bono eingestellt, um Aufklärung zu verhindern. Schon Bonos Vorgängerin Kerry Perry, die zu Beginn des Jahres den ­Vorsitz von USAG übernommen hatte, war heftig kritisiert worden, weil sie versucht hatte, eine Trainerin anzuheuern, die den Mannschaftsarzt Nassar noch nach Bekanntwerden der Vorwürfe massenhaften sexuellen Missbrauchs als »großartig« ­bezeichnet hatte. Perry musste zurücktreten. Viele hochrangige ­Verantwortliche des Frauenteams haben sich unterdessen freiwillig verabschiedet.

Unter anderen Bedingungen hätte USAG weitgehend ungestört weitermachen können. Es sind die großen Stars unter den Betroffenen und das Ausmaß des Missbrauchs, die das verhinderten. Das gelang auch, weil es mit Aly Raisman und Simone Biles charismatische Fürsprecherinnen gibt, die das Thema in der Öffentlichkeit halten, persönlich viel aufs Spiel setzen und über Twitter ein ausreichend großes Publikum er­reichen. Die »Armee der Überlebenden« nannte Raisman das.

Die namenlosen Betroffenen sexueller Gewalt in zahllosen anderen Sportmilieus könnten einen solchen Erfolg derzeit wohl kaum erreichen. Die traurige Wahrheit ist: Ohne die Unterstützung einflussreicher Spitzenathleten bleibt das öffentliche ­Interesse aus. Zumindest die allgemeine Sensibilisierung für das ­Thema aber wird mittelfristig wohl auch anderen Sportlern und Sport­lerinnen zugutekommen.

Der Wiederaufbau bei USAG bleibt derweil schwierig. Es gibt kaum eine noch amtierende Person, die an der Vertuschung und dem Verschweigen nicht in irgendeiner Weise beteiligt oder selbst Täter oder Täterin war. Ob eine neue von außen kommende Führungsriege genügend Rückhalt im Verband hätte, ist fraglich. Das Thema Missbrauch und die Vertuschungsversuche der Funktionäre werden die Öffentlichkeit aber weiter beschäftigen: Steve Penny ist auf Kaution freigekommen, sein Fall wird im November vor Gericht verhandelt.

Kürzlich meldete sich Aly Raisman auf Twitter nochmals bei Mary Bono. Sie schrieb: »Bitte seien Sie sich bewusst, dass ich mich nicht aus ­persönlichen Gründen dagegen ausgesprochen habe, Sie einzustellen. Es geht derzeit um viel in unserem Sport und es ist wichtig, dass die neue Führungsetage nichts mehr zu tun hat mit den Einflüssen, die ­diese schlimmen Dinge ermöglicht haben.« Das war auch menschlich eine große Geste. Wenn es darum geht, eine Person zu finden, die Aufklärung ernst nimmt, den Verband und das Turnen kennt und unabhängig von den alten Strukturen ist, gäbe es eigentlich nur eine Wahl: Aly Raisman.