Gedenken an die Pogrome 1938 und Protest gegen Nazis – Berlin am 9. November

Beschädigtes Gedenken

Am 9. November gedenken antifaschistische Gruppen im Berliner Stadtteil Moabit der Pogrome vor 8o Jahren. Anschließend wollen sie sich an Protesten gegen eine rechtsextreme Demonstration beteiligen.

»Gaskammer-Lüge«, »Holohoax – Die Täter sind Zionisten« und »9.11 – false flag«: Diese Schmierereien waren am 9. November 2016 auf einem Mahmal im Berliner Stadtteil Moabit zu lesen. Der Gedenkort befindet sich auf der Putlitzbrücke, direkt über dem ehemaligen Güterbahnhof Moabit. Er erinnert an die Jüdinnen und Juden, die von dort aus in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungs­lager deportiert wurden. Im August 1992 wurde das Mahnmal bei einem Sprengstoffanschlag so stark beschädigt, dass es erst über ein halbes Jahr später wieder aufgestellt werden konnte.

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Der Leiter der Berliner Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), Benjamin Steinitz, berichtet im Gespräch mit der Jungle World von ­einer »Serie von Schmierereien und Zerstörungen«, die sich gegen »Gedenk­orte für Opfer der Shoah« richte. Seit Anfang 2016 hat RIAS 29 solcher Vor­fälle in Moabit registriert. Nicht nur das Mahnmal auf der Putlitzbrücke wurde mehrfach beschädigt. Auch ein Schild der lokalen Gedenkinitiative »Sie waren Nachbarn« in der unweit des Güterbahnhofs gelegenen Ellen-Epstein-Straße und ein Mahnmal, das an die 1955 abgerissene Synagoge in der Levetzowstraße erinnert, waren Ziel von Angriffen.

Das »Judenreferat« der Berliner Gestapo befahl, ein Sammellager für Juden in der Synagoge in der Levetzowstraße einzurichten.

Die Synagoge war am 7. April 1914 eingeweiht worden. Hinter der Fassade des im klassizistischen Stil gehaltenen prachtvollen Gebäudes hätte sich auch eine preußische Regierungsbehörde, eine Universität oder ein Theater befinden können – wäre da nicht ein Davidstern im Giebel des Portikus ­gewesen. Die Synagoge der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bot über 2 000 Personen Platz und war damit eine der größten der Stadt. Das Gebäude repräsentierte das Selbstbewusstsein des bürgerlich-liberalen Judentums, das die Synagoge vorwiegend besuchte. Beim Eröffnungsgottesdienst sprachen die Gläubigen ein Gebet für den Kaiser. Viele Gemeindemitglieder nahmen aus nationalistischer Überzeugung am Ersten Weltkrieg teil.

Schon im Kaiserreich und der Weimarer Republik kam es in der Nähe der Synagoge zu Angriffen auf Gemeindemitglieder. Im Nationalsozialismus fanden diese einen ersten Höhepunkt: Während der Pogromnacht am 9. November 1938 wurde das Gebäude von innen demoliert. Die Fassade war am folgenden Tag rauchgeschwärzt. Ob die Synagoge angezündet wurde oder Flammen von brennenden Gegenständen auf das Gebäude übergriffen, ist noch immer ­ungeklärt. Auch der Historiker Philipp Dinkelaker, der die Geschichte der Synagoge in seiner 2017 erschienenen Studie »Das Sammellager in der Berliner Synagoge Levetzowstraße 1941/42« nachzeichnet, konnte nicht klären, warum die Synagoge in dieser Nacht nicht ­abbrannte. Er hält es jedoch für wahrscheinlich, dass ein Brand verhindert oder gelöscht wurde, weil er den ­benachbarten »arischen« Besitz gefährdet hätte.

Da die Synagoge in der Pogromnacht nicht zerstört wurde, nutzten die Nationalsozialisten sie für eigene Zwecke. Am 1. Oktober 1941 befahl das »Judenreferat« der Berliner Gestapo, dort ein Sammellager für Juden einzurichten. Den Plänen Adolf Eichmanns gemäß sollten Juden vor ihrer Deportation an zentralen Orten gesammelt werden. Die Synagoge bot sich nicht zuletzt wegen ­ihrer Größe dafür an. Fortan wurden Juden aus ihren Wohnhäusern verschleppt und in das Sammellager gebracht. In dem Gebäude wurden Sanitäranlagen entfernt. Es kam zu sadistischen Strafen, verbaler und körperlicher Gewalt sowie sexuellen Übergriffen.

Aus dem Sammellager mussten Juden regelmäßig mehrere Kilometer durch ein Wohngebiet zum Moabiter Güterbahnhof marschieren. Etwa 37 500 Menschen erlebten ihre letzten Nächte in Berlin in der Levetzowstraße. Dinkelaker beschreibt das Lager als »Vorstufe der Vernichtung«. In seiner ­Studie weist er nach, dass es mehrere Tausend Tatbeteiligte gab. Die Einlie­ferungen in das Sammellager und die Märsche zum Güterbahnhof gehörten dem Historiker zufolge zum öffentlich sichtbaren Alltag in der Reichshauptstadt. Unzählige deutsche Zeugen hätten geschwiegen oder applaudiert.

Seit 1990 findet an jedem 9. November eine antifaschistische Gedenk­veranstaltung am Mahnmal in der Levetzowstraße statt. Auch für den morgigen Freitag hat die Berliner »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten« (VVN-BdA) eine Versammlung angekündigt. Als Zeitzeuge soll der 90jährige Horst Selbiger sprechen. Er wurde 1943 in das Sammellager in der Levetzowstraße verschleppt.

In den vergangenen Jahren gab es nach der Gedenkveranstaltung eine antifaschistische Demonstration bis zur Putlitzbrücke. In diesem Jahr führt die Demonstration jedoch zum Hauptbahnhof. Dort will man sich Protesten gegen einen Aufmarsch der rechtsextremen Organisation »Wir für Deutschland« anschließen. Für die antifaschistischen Gruppen, die die Veranstaltung organisieren ist das Gedenken kein bloßes Erinnern an die Vergangenheit. In diesem Sinne mobilisieren sie überall in Moabit mit Plakaten, auf denen ein Satz des Holocaustüberlebenden Primo Levi steht: »Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.«