Dossier: Die frühen Holocaustforscher: Joseph Wulf und Léon Poliakov

»Haben ihr Häuschen und züchten Blumen«

Der Holocaustüberlebende Joseph Wulf war in den fünfziger Jahren der erste Historiker, der im Land der Täter Bücher über den Holocaust veröffentlichte. Anerkannt wurde seine Arbeit lange Zeit nicht. Als Jude und Opfer des Rassenwahns galt er der deutschen Historikerzunft als befangen.

Als der jüdische Historiker Simon Dubnow während der Ermordung der 30 000 im Ghetto von Riga ein­gesperrten Juden im Dezember 1942 zu den Bussen gebracht wurde, die ihn dann wie alle anderen Internierten zur Hinrichtungsstätte transportierten, soll er auf dem Weg dorthin unablässig gesagt haben: »Leute, vergesst nicht; sprecht hiervon, Leute; zeichnet es alles auf.«

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Diese Aufforderung, die der damals 81jährige Dubnov, der am 8. Dezember 1942 im Wald von Rumbula Augenzeugenberichten zufolge von Kommandant Johann Siebert persönlich ermordet wurde, an die Überlebenden gerichtet hatte, ist gewissermaßen zum Anspruch und zum Selbstverständnis der frühen Shoah-Forschung geworden. Es ging vor allem um das Dokumentieren der Katas­trophe, die von den Deutschen über die Juden Europas gebracht wurde. Diese Forschung wollte verhindern, dass die Toten vergessen werden.

Bereits während der Ereignisse, die heute mit dem Begriff der Shoah ­benannt werden, machten sich Juden daran, diese zu dokumentieren und festzuhalten. Neben den zahlreichen jüdischen Tagebuchschreibern gab es auch jüdische Historiker, die so systematisch wie möglich den Fortgang der deutschen Politik der Judenvernichtung dokumentieren wollten. Am bedeutendsten ist sicherlich die unter dem Namen Ringelblum-­Archiv bekannt gewordene Sammlung von Berichten aus dem Warschauer Ghetto, die der in Warschau promovierte Historiker Emanuel Ringelblum mit seinen Mitstreitern des Oneg-Shabbat-Kreises (Freunde des Sabbat) angefertigt und gesammelt hat. Diese Sammlung stellt die wichtigste Quelle für die jüdische Perspektive auf das größte jüdische ­Ghetto unter deutscher Herrschaft dar. Daneben sind einige Tagebücher erhalten geblieben, die ebenfalls zur frühen Dokumentation der Shoah zu zählen sind. Unzählige Dokumente sind jedoch verschollen, darunter auch das Tagebuch Dubnows, das er bis zuletzt geführt hat.

Nach dem Ende des Kriegs wurde die jüdische Forschungsarbeit, die damals unter dem Begriff Churban begonnen wurde, fortgesetzt und ausgeweitet. Churban ist das hebräische Wort für Verwüstung oder ­Vernichtung, das sich auf die Zeit der Zerstörung der Tempel in Jerusalem bezieht. Noch vor Raul Hilberg, Isaiah Trunk und Saul Friedländer begannen jüdische Historiker in den späten vierziger und fünfziger Jahren, sich systematisch mit der Shoah zu beschäftigen, auch wenn ihre Namen und Schriften weitgehend in Vergessenheit geraten sind. Ein erstes ­großes Zusammentreffen dieser Forscher, die sich die schwer erträgliche Aufgabe stellten, das Unbegreifliche irgendwie begreifbar zu machen und zu dokumentieren, fand 1947 in Paris statt.

Auf der Konferenz, orga­nisiert vom Centre Juif Contemporaine, trafen sich auch Joseph Wulf und Léon Poliakov, die später gemeinsam einige Dokumentensammlungen herausgeben sollten. Auch der Historiker und Überlebende des Ghettos von Czernowitz, Erich Goldhagen, Vater des US-amerikanischen Politolgen Daniel Jonah Goldhagen, nahm an der Pariser Konferenz teil.

 

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