Verzweifelte Pädagoginnen und hilflose Kinder

Hasen, Eulen, Knochenbrüche

Sitzen eine Lehrerin, eine Sozialpädagogin und eine Familienhelferin in der Kneipe, trinken ihr Feierabendbier und reden. Die Tür geht nicht auf und es kommt kein betrunkener Hase in Begleitung einer finnischen Eule in die Kneipe – weil das hier kein Witz wird. Die drei arbeiten nämlich alle im selben Bezirk, in einem Gymnasium, in einem Jugendtreff und die Familienhelferin dort, wohin das Jugendamt sie schickt. Drei sich überschneidende Perspektiven auf Überlastung, Überforderung, Unterbesetzung und kaputtgemachte Kinder. Die drei reden darüber, wie einige von diesen gezielt zu Tätern gemacht werden, über die organisierte Kriminalität im Bezirk, die von der Politik immer noch häufig als Integrationsproblem behandelt wird und über die an den Schulen kaum gesprochen wird. Es kommen Fragen auf: Was müssen Familien eigentlich machen, damit sie Hilfe bekommen, wenn sie schon zur Lehrerin gegangen sind und gesagt haben, dass sie überlastet sind, wenn die Schule versucht hat zu helfen und nichts passiert ist? »Knochenbrüche«, sagt die Sozialpädagogin und nippt am Bier. Dass es einem Kind erkennbar schlecht geht, reiche einfach nicht mehr. Sie kenne eine Kollegin, die habe mit verstellter Stimme beim Amt angerufen und anonyme Hinweise gegeben, aus Verzweiflung. Am ehesten helfe noch eine Schulversäumnisanzeige. Nicht zur Schule zu gehen, ist Kindern in Deutschland nämlich nicht erlaubt, sie dürfen sich scheiße fühlen, aber halt nicht so sehr, dass sie es nicht mehr in die Schule schaffen. Die Familienhelferin berichtet von den wenigen Stunden, die ihr zur Unterstützung einer Familie zugestanden werden. Sie erzählt, wie die Zeit nicht reiche, wie sich die verschiedenen Träger im Bezirk gegenseitig unter Druck setzten, indem sie sich weiter unterbieten.

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Die Sozialpädagogin will wissen, ob, wenn bei einem Polizeieinsatz in der Wohnung einer Familie ­einem Kind eine Waffe an den Kopf gehalten werde, irgendwer darüber Nachricht bekomme, wegen der möglichen posttraumatischen Belastungsstörung. Die Familienhelferin verneint. Überhaupt ist niemand mit irgendwem vernetzt, der Jugendtreff wollte zu den in der Nähe liegenden Schulen Kontakt aufnehmen und über gemeinsame Probleme sprechen, doch keine der Schulen war interessiert, natürlich nicht. Schulen haben keine Probleme, sie haben Herausforderungen, und zwar ausschließlich gemeisterte. Heute reden drei Frauen darüber, wie das alles zusammenhängt, und darüber, dass sie noch mehr reden müssten, aber am Montag werden sie alle wieder allein bei den Kindern und Jugendlichen stehen und auf ihre Weise ertragen, wie vollkommen verrückt das alles ist. Die Lehrerin erzählt dann wieder Witze mit Häschen und Eulen, aber heute nicht, heute mal wirklich nicht.