Korruptionsverdacht beim internationalen Amateurboxverband

Amateurpräsident und Profigangster

Nach zahlreichen Skandalen und Rücktritten hat der internationale Amateurboxverband jüngst jemanden an seine Spitze gewählt, dessen Konten von der US-Finanzbehörde eingefroren wurden.

Man sollte sich nichts vormachen: Das Image des Boxens ist seit Jahrzehnten ruiniert, selbst bis in die letzten Niederungen des Amateurbereichs hinein. Bei den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro sagte der irische Boxer Michael Conlan, nachdem er wegen eines Fehlurteils einen Kampf verloren hatte, ins Mikrophon eines Fernsehsenders: »Das Amateurboxen stinkt von der Basis bis zur Spitze. Ich glaube, das Boxen ist tot.« Nach den Spielen wurden alle 36 Ring- und Punktrichter suspendiert.

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Kaum ein Beobachter hielt es für möglich, aber im Boxen geht es immer noch schlimmer. Zurzeit droht der Association Internationale de Boxe Amateure (Aiba), dem Weltverband des Olympischen Boxsports, der Ausschluss von den Olympischen Spielen 2020 in Tokio.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) teilte Anfang Oktober mit, dass es »extrem besorgt« über die derzeitigen Zustände in der Aiba sei und den bereits im Mai und Juli bereits an­gedrohten Ausschluss ernsthaft in Erwägung ziehe. Ein olympisches Boxturnier ohne Beteiligung der Aiba wäre dann möglich.

Der ehemalige Boxer Gafur Rachimow steht auf der Sanktionsliste des US-amerikanischen Finanzministeriums, weil er als Unterstützer und Geschäftspartner der organisierten Kriminalität in mehreren einstigen Sowjetrepubliken gilt.

Für den überaus dubiosen Ruf der Organisation, die 1946 in Nachfolge der 1920 gegründeten Fédération Internationale de Boxe Amateur (Fiba) gegründet wurde, sorgen die Turbulenzen in der Verbandsführung, die unklare Finanzlage sowie das halbherzige Anti-Doping-Programm des Verbands. Dem IOC zufolge ist die derzeitige Situation »nicht nur schlecht für die Reputation der Aiba, sondern auch für den Sport allgemein«; vor allem die Führungskräfte schadeten dem Verband. Die beiden letzten Präsidenten mussten wegen Korruptionsvorwürfen vorzeitig ­ihren Posten räumen: Im Jahr 2006 wurde der 83jährige Pakistaner Anwar Chowdhry nach 20jähriger Präsidentschaft abgesetzt, sein Nachfolger, der Taiwaner Wu Ching-kuo, wurde Anfang Oktober wegen finanziellen Missmanagements im großen Stil lebenslang gesperrt. Er soll im Lauf seiner Amtszeit Verbindlichkeiten in Höhe von über 30 Millionen Euro angehäuft haben. Chowdhry galt als typischer Vertreter der olympischen Altherrenriege. Er war dem Sportjournalisten Jens Weinreich zufolge »ein enger Kampfgefährte« von Juan Antonio Samaranch und wurde 1986 »in einer sagenumwobenen Wahlschlacht in Bangkok, mit Sex und Huren und Geld«, von »Adidas auf den Aiba-Thron gehievt«. Nachzulesen sind diese Vorgänge auch in zahlreichen Stasi-Akten. Sein Nachfolger Wu trat als Erneuerer an und endete wie sein Vorgänger. Er war im vergangenen Jahr einstimmig entmachtet und vorläufig suspendiert worden. Mit ihm wurde auch der frühere Geschäftsführer Ho Kim dauerhaft aus dem Verband ausgeschlossen.

Nicht ausgeschlossen wurde der damalige Vizepräsident, der Usbeke Gafur Rachimow. Trotz der Proteste des IOC wurde er erst zum Interims­präsidenten und Anfang November mit 86 von 137 Stimmen dauerhaft in das Amt gewählt. Für den kasachischen Gegenkandidaten Serik Konak­bajew, der vom IOC unterstützt wurde, stimmten lediglich 48 Mitglieder.

Der ehemalige Boxer Rachimow steht auf der Sanktionsliste des US-amerikanischen Finanzministeriums, weil er als Unterstützer und Geschäftspartner der organisierten Kriminalität in mehreren einstigen ­Sowjetrepubliken gilt. Das Ministerium hat seine Konten eingefroren und nennt ihn ein »Schlüsselmitglied eines russisch-asiatischen Verbrechersyndikats«, das auf »Drogenproduktion in den Ländern Zentralasiens« spezialisiert sei. Der frühere britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, bezeichnete den 67jährigen in einem Interview mit dem TV-Sender ABC als »eine der vier oder fünf wichtigsten Personen im globalen Heroinhandel« und als »­gefährlichen Gangster«. Verurteilt wurde der Usbeke jedoch nie.

Der Deutsche Boxsportverband (DBV) hat Rachimows Kandidatur öffentlich unterstützt. »Nirgendwo liegen Beweise vor, dass Rachimow in kriminelle Geschäfte verwickelt ist«, sagte der Verbandspräsident Jürgen Kyas dem Fernsehsender N-TV. Probleme gibt es hierzulande allerdings auch ohne Rachimow genug: Mit dem Rücktritt von Wladimir Klitschko verlor das deutsche Profiboxen seinen letzten Star. An die ­internationalen Erfolge Henry Maskes und der Klitschko-Brüder in den vergangenen Jahrzehnten dürfte hierzulande kein Boxer so schnell anknüpfen können, denn derzeit herrscht Tristesse im deutschen Amateur- und Profiboxen.

Deutschlands bekanntestes Boxunternehmen Sauerland Event steckt derweil in enormen Schwierigkeiten. Zahlreiche talentierte Boxer und verdiente Mitarbeiter verließen in den vergangenen Monaten die Firma, weil vertragliche Abmachungen nicht eingehalten wurden, Zahlungen nicht fristgerecht erfolgten und die Kommunikation von Sportlern und Trainern mit der Geschäftsleitung immer spärlicher wurde. Erste Gerüchte kursierten, wonach Sauerland Event das laufende Jahr nicht überstehen werde. Das wäre eine Katastrophe für das professionelle ­Boxen in Deutschland, nachdem sich das Hamburger Boxunternehmen Universum bereits vor fünf Jahren aus dem Geschäft verabschiedet hatte.

Um den Untergang des letzten großen Boxstalls in Deutschland zu verhindern, kehrte sogar dessen Gründer Wilfried Sauerland im Juli aus dem Ruhestand zurück. Er versprach den treu gebliebenen Fans, Sportlern und Betreuern: »Wir ­wollen ein neues Team zusammenstellen, sowohl bei den Boxern als auch im Büro.« Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass der 76jährige Erfolgstrainer Ulli Wegner noch ein weiteres Jahr lang tätig bleibt. »Ich bin ein Trainer, der bedingungslos für den Leistungssport lebt, doch dafür gab es bei Sauerland Event keine Basis mehr. Da ich Wilfried aber vertraue, höre ich nun doch noch nicht auf«, sagte Wegner. Doch Zweifel sind angebracht. Zuletzt verließ der Schwergewichtsboxer Kubrat Pulew Sauerland Events. Im Oktober, kurz nach seinem Ausstieg, besiegte der von Wegner trainierte Bulgare den Engländer Hughie Fury. Damit steht Pulew vor dem langersehnten Titelkampf der International Boxing Federation (IBF) gegen Anthony ­Joshua. »Die ersten Jahre waren bei Sauerland sehr gut, zum Schluss lief es nicht mehr optimal und so haben wir uns getrennt«, lautet das Fazit des 37jährigen über seine Zeit bei Sauerland Events.