Eine Werkschau der Filme von Herbert Achternbusch in Leipzig

Heimat, Hitler, Hofbräuhaus

Herbert Achternbusch ist Schriftsteller, Maler und Regisseur. Eine Werkschau seiner Filme, in denen die Hassliebe zu Bayern zelebriert wird, ist nun in Leipzig zu sehen.

Am 23. November diesen Jahres wird der deutsche Schriftsteller, bildende Künstler, Film- und Theatermacher Herbert Achternbusch 80 Jahre alt. Sein Gesamtwerk ist so uferlos wie eigenständig, seine Stellung innerhalb der deutschen Film-, Theater- und Literaturgeschichte bedeutend – und doch ist es seit geraumer Zeit still um ihn geworden. Wer sich sein filmisches Œuvre ansehen möchte, hat Schwierigkeiten, DVD-Veröffentlichungen zu finden, anders als bei den großen Etablierten des Neuen Deutschen Films wie Rainer Werner Fassbinder oder Werner Herzog. Vor zehn Jahren, anlässlich seines 70. Geburtstages, erschien eine DVD-Box mit fünf Filmen, darunter Achternbuschs bekanntester, »Das Gespenst« (1982). Später reichte man noch »Heilt Hitler!« (1986) und »Bierkampf« (1977) nach – ein Bruchteil seiner knapp 30 Filme. Das Leipziger Luru-Kino in der Spinnerei stellt nun in einer Werkschau von November bis Mai 22 seiner Filme überwiegend im Kino-Originalformat (16 mm und 35 mm) vor. So hat man die seltene Chance, sich den Filmkosmos Achternbuschs auf eine Weise zu erschließen, die seinem stoischen Wieder-und-wieder-Erzählen bestimmter Figuren und Konstellationen gerecht wird und die Verweise, die in den Filmen aufeinander gegeben werden, zutage treten lässt.

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Herbert Achternbusch, 1938 in München geboren, hat eine Filmographie vorgelegt, die wie kaum eine zweite von einem lokalen Zusammenhang geprägt ist: das Bayern der siebziger bis neunziger Jahre mit seinen katholisch-bäuerlichen Charakteren zum einen, dem großstädtischen Milieu seiner Landeshauptstadt mitsamt ihrer Touristenattraktionen und exzentrischer Künstler­figuren zum anderen. Das genuin Bajuwarische, die Stammtisch- und Biergartensaufereien mit ihren Schwadronaden, das eigenbrötlerische und hemdsärmelige Gemüt, die reaktionär ausgrenzenden Ansichten und das erdrückend Katholische sind hier allgegenwärtig. Und dennoch ist es verfehlt, ihn als einen bloß regionalen Film-Krauter mit provokativ politischem Anstrich einzustufen, obwohl das Schattendasein, das er in der deutschen Filmgeschichtsschreibung fristet, sicherlich damit etwas zu tun hat.

Seine Filme kreisen um die mitunter romantisch aufgeladene Sehnsucht nach einer besseren Welt, um die Gefühlswelten von Menschen in liebesarmen, bayerischen Umgebungen. Dies ist die Wirklichkeit, die ihm vertraut ist, der er wütend, kämpferisch oder klamaukig begegnet. Nicht von ungefähr gilt seine Sympathie den gesellschaftlichen Außenseitern, Tagträumern und Versagern. Es sind die nicht im geregelten Vollzug aufgehenden Antihelden, die hier an der Welt zerschellen. Der Staat und vor allem seine Diener treten dabei zumeist als Bedrohung auf – so gibt es kaum einen Achternbusch-Film, in dem nicht vertrottelte Polizisten auftauchen. Häufig steht für die Randfiguren am Ende der Selbstmord oder das ambivalent bleibende Entfliehen in die exotische Ferne wie etwa Tibet oder Grönland. »So vieles hat Deutschland kaputtgemacht, warum nicht auch mich«, klagt der in den USA weilende Hick in »Hick’s Last Stand« (1990), einer von Achternbuschs Alter-Ego-Kunstfiguren. Eigentümliche und gleichzeitig direkt vorgetragene Geschichten be- und erdrückender deutscher Zu­stände.

Achternbusch pflegt eine besondere Hassliebe, eine gewissermaßen rabiate Faszination für seine bayerische Heimat, die er in seinen Filmen und Romanen mit einer widerspenstigen Ästhetik einzufangen vermochte.

Achternbusch pflegt also eine besondere Hassliebe, eine gewissermaßen rabiate Faszination für seine bayerische Heimat, die er in seinen Filmen und Romanen mit einer widerspenstigen Ästhetik einzufangen vermochte. Die Motive speisen sich nahezu ausschließlich aus seinem persönlichen Erfahrungsschatz, ohne dabei selbstbezüglich oder unangemessen objektiviert zu werden. Ihre Erzählweise und formale Durchbildung greift den Glauben an, die gesellschaftliche Wirklichkeit in »unmittelbarer Weise authentisch-veristisch, das heißt mit naivem Realismus repräsentieren zu können«, so Tilman Schumacher, einer der Kura­toren der Werkschau. Achternbuschs Werke entstanden mit nur schmalem Budget und der Unterstützung und Mitwirkung von Weggefährten – unabhängige Autorenfilme im eigentlichen Sinne. Sie scheuen keine grotesken Überdeutlichkeiten und Laiendarsteller-Versprecher, lassen sich auf kein Genre und auf keine in der Filmgeschichte bewährte Darstellungsform festlegen. Schon gar nicht sind sie Heimatfilme, eher ihr dissonanter Gegenentwurf, oder doch zumindest ihre satirische Umdichtung. Achternbusch hat sicherlich von den Großen des Komödiengenres – der bayerische Satiriker Karl ­Valentin, Buster Keaton und Jerry Lewis sind hier zu nennen – gelernt, dass sich Witz und Negativität nicht ausschließen, aber er zollt ihnen nicht auf direkte Weise Tribut.

Begonnen hat Herbert Achternbusch als Schriftsteller – der avantgardistische Roman »Die Alexan­derschlacht« von 1971 gab einen ersten Vorgeschmack seines antiklassischen, von verfremdenden und ­dadaistischen Prinzipien geprägten Kunstverständnisses. Das erste Drehbuch verfilmte Werner Herzog 1976 mit »Herz aus Glas«, wobei es die einzige Zusammenarbeit dieser Art in Achternbuschs Schaffen bleiben sollte. Sein zwei Jahre zuvor entstandenes Regiedebüt, »Das Andechser Gefühl«, ist frei von Zugeständnissen und inszenatorischen Fremdkörpern. Schon hier ist kondensiert, was später immer wieder variiert werden sollte: Das Leiden an der bayerisch-bürgerlichen Existenz; weibliche Sehnsuchtsfiguren mit Namen »Susn« (zumindest oft so benannt, wie sein gleichnamiges Theaterstück von 1980), die für ein Ausbrechen aus dem Immergleichen stehen; eine sketch­artige Aneinanderreihung von Szenerien; schließlich eine fragmentierte, rätselhaft bleibende Dramaturgie. In den achtziger Jahren wurde Achternbusch im Zuge des kulturpolitischen Skandals um seinen Film »Das Gespenst«, dem Blasphemie vorgeworfen wurde, bis auf Weiteres von der staatlichen Filmförderung der Geldhahn zugedreht. Die Werke, die in den Folgejahren vor allem ab Mitte der Achtziger entstanden, sind laut den Kuratoren der Leipziger Werkschau, Sophia Eisenhut, Maja Roth und Tilman Schumacher, ebenso übersehen wie sehenswert. Gleichzeitig sind sie unter heute kaum noch vorstellbaren finanziellen und technischen Bedingungen zustande ­gekommen, etwa wenn er für »Heilt Hitler!« ausschließlich das Amateurfilmmaterial Super 8 verwendete und für die Kinoprojektion auf 35 mm-Kopien aufblasen ließ – ein Verfahren, das zusätzlich bildgestalterische Verfremdungseffekte erzielt.