Essay - Reflexionen des Antisemitsismus bei Kafka

Josef K. in antisemitischer Gesellschaft

Anmerkungen über Franz Kafkas »Process«.

In einem Aphorismus Franz Kafkas aus den Jahren 1917/18 heißt es: »Noch spielen die Jagdhunde im Hof, aber das Wild entgeht ihnen nicht, so sehr es jetzt schon durch die Wälder jagt.« Die spielenden Jagdhunde verstören dadurch, dass sie ihre freie Zeit, wenn sie denn zwischen Arbeit und Freizeit zu unterscheiden wüssten, mit Spiel verbringen, weiß doch jedes Kind, dass am Ende den Jagdhund die Jagdlust auszeichnet und das Spiel damit lediglich temporärer Natur sein kann – und das Wild ihnen ganz sicher nicht entgehen wird. Das Wild konstituiert sich allein durch den domestizierten und abgerichteten Jagdhund und beide verhalten sich solange symbiotisch zueinander, wie die Jagd nicht aufhört. Zugleich aber tritt mit dem letzten Nebensatz des Aphorismus zur Sprache, dass das Wild von anderen bereits gejagt wird, den Jagdhunden dennoch der tödliche Biss vorbehalten bleiben soll: Ganz so, als seien die Juden ohnehin bereits vor den Antisemiten auf ständiger Hut, die Todesdrohung bereits ausgesprochen, doch die Jagdhunde noch nicht losgelassen und die offene Hatz noch nicht ausgebrochen.

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Auch dem ungarisch-französischen Komponisten György Kurtág schien bewusst, dass in Kafkas Aphorismus auf die Situation der Juden in antisemitischer Gesellschaft reflektiert wird, als er diesen zur Textgrundlage nahm und den panischen Schrecken der Jagd dadurch zum Ausdruck brachte, dass die Stimme der Sopranistin in einem seiner Stücke von der Geige gehetzt wird. Der Tod des Wildes wird dadurch akzentuiert, dass die »hetzende« Geige die Stimme zu überleben droht. Kurtág gab seiner nicht einmal einminütigen Komposition den Titel »In memoriam Robert Klein« und erinnerte damit an den rumänischen Philosophen und Ikonologen, den die Deutschen und ihre Helfershelfer in Rumänien als Juden zur Zwangsarbeit befahlen und der nach seiner Befreiung im Jahr 1944 als Freiwilliger in Ungarn und der Tschechoslowakei gegen die Deutschen kämpfte. Aus dem realsozialistischen Rumänien floh er nach Paris, ersuchte dort politisches Asyl und lebte, weil der rumänische Staat ihm auf sein Asylgesuch hin die Staatsbürgerschaft entzog, als Staatenloser unter widrigen Bedingungen; 1967 nahm er sich während ­eines Forschungsaufenthalts in Florenz das Leben.

Vielleicht ist es die Erfahrung des Judeseins, die den Zionisten Kafka immer wieder dazu bewog, den Antisemitismus in seinem literarischen Werk zu reflektieren. Zumindest erwägt das auch Georges-Arthur Goldschmidt in seinem Kafka-Essay »Meistens wohnt der den man sucht nebenan«: »Es ist wahrscheinlich, dass das Judesein auch Kafkas Sein zutiefst geprägt hat, denn Judesein heißt im Sartreschen Sinn, sich jederzeit im Ungewissen zu wissen, das heißt, man fragt sich ständig, ob man am Leben gelassen wird oder nicht. Der Jude ist der Einzige unter allen Menschen, der so geboren wird, unter dem Zeichen der Verdammung, und von Anfang an weiß – weil es ihm die ganze Zeit gesagt wurde und er es seit jeher weiß –, dass ihm alle Rechte aberkannt sind, daß er an sich im Voraus schon verboten ist. Wie ein Schirm trennt ihn das Judesein von den anderen, wie eine nichtexis­tente, nichtwahrnehmbare und doch unüberwindliche Trennwand: sich, wie dem auch sei, unrechtmäßig zu wissen, von der Geschichte durch eine permanente Bedrohung auf ewig gestutzt. Durch diese einzige winzige Verschiebung existieren die Figuren Kafkas.«

 

Der Essay wird unter gleichlautendem Titel in zwei umfangreicheren Teilen im Heft 13 der Zeitschrift »Sans Phrase« erscheinen.

 

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