In Israel haben Zehntausende gegen Gewalt gegen Frauen protestiert

Häusliche Hölle

Die Zahl der Frauen, die in Israel Opfer häuslicher Gewalt werden, hat dramatische Ausmaße angenommen. Dagegen gab es nun große Proteste.

Rund 200 Paar mit blutroter Farbe bemalter Schuhe, aufgestellt Anfang ­vergangener Woche auf dem Platz vor dem Habima-Theater mitten im Zentrum Tel Avivs, sollen das Ausmaß der sogenannten häuslichen Gewalt in ­Israel verdeutlichen. »Sie stehen für all die Frauen, die nicht mehr unter uns weilen«, erklärt Yasmin Wachs. »Sie wurden ermordet, nur weil sie Frauen waren und unsere Gesellschaft sich als unfähig erwiesen hat, sie zu beschützen«, so die Frauenrechtlerin der NGO »Layla Tov« (Gute Nacht). Ursprünglich hatte es sich die vor drei Jahren ins ­Leben gerufene NGO zur Aufgabe gemacht, Nachtschwärmer in der Party-Metropole für das Problem der sexuellen Belästigung zu sensibilisieren. Nun initiierten sie gemeinsam mit weiteren Frauengruppen sowie der Modekette »Comme il faut« diese Installation. »Wir fordern zudem, dass die von der ­Regierung bereits im vergangenen Jahr versprochenen, aber immer noch zurückgehaltenen 250 Millionen Schekel (60 Millionen Euro) endlich freigegeben werden, damit entsprechende Schutzprogramme für Frauen umgesetzt werden können«, so Wachs weiter. Damit ist sie nicht alleine.

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Über 30 000 Israelis aus allen Schichten der Bevölkerung gingen vergangene Woche aus Protest gegen die um sich greifende Gewalt ­gegen Frauen im ganzen Land auf die Straße. Viele legten sogar ihre Arbeit nieder.

Die Wut einte die Passivität der Regierung und das Ausmaß der Gewalt Israelis unabhängig von ihrer ­sozialen, religiösen oder ethnischen Herkunft. Vor allem viele arabische Frauen waren auf den Demonstrationen zu sehen.

Gründe, warum ausgerechnet jetzt so viele Menschen sich an Demonstra­tionen und Streiks beteiligten, gab es gleich mehrere. Zum einen hatte ­anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen, der seit 1999 jedes Jahr am 25. November begangen wird, die Women’s Inter­national Zionist Organisation (WIZO) neue Zahlen zum Ausmaß jener Gewalt in Israel veröffentlicht. Demnach wurden bis zum 25. November in diesem Jahr 21 Frauen ermordet – seither kamen drei weitere Fälle hinzu. 2016 und 2017 waren es jeweils 16, 2014 sowie 2015 13 Frauen. Mehr als 13 000 Frauen mussten dieses Jahr aufgrund von physischer Gewalt durch Männer, die fast immer aus dem direkten familiären Umfeld stammten, ärztlich behandelt werden. Aber wohl nur die Hälfte der Betroffenen hatte in den vergangenen zwei Jahren Anzeige bei der Polizei erstattet. Laut WIZO leben in Israel insgesamt rund 200 000 Frauen mit Gewalterfahrungen sowie 500 000 Kinder, die diese miterleben mussten. ­»Jeden Tag eröffnet die Polizei im Durchschnitt 50 Verfahren, bei denen es um häusliche Gewalt geht«, heißt es in der Statistik.

Zum anderen waren Ende November zwei Teenager brutal ermordet worden: die 16jährige Yara Ayub, die in einem arabischen Dorf im Norden Israels in einer Mülldeponie gefunden wurde, sowie die zwölfjährige Silvana Tsegai, Tochter von Flüchtlingen aus Eritrea, im Süden Tel Avivs.

Besonders der zweite Fall sorgte für Aufsehen, weil es sich bei dem Mörder um den Ex-Freund der Mutter handelte, die wiederum mehrfach die Polizei kontaktiert hatte, weil dieser ihre Tochter und sie bedroht hatte. Doch offensichtlich war nichts geschehen – wie so oft. »Wir können nicht länger diese schrecklichen Nachrichten einfach nur hinnehmen, die uns beinahe täglich erreichen«, brachte das Israel Women’s Network die Stimmung in der Mehrheit der Bevölkerung auf den Punkt. »Das ist eine Notfall­situation, die nicht ignoriert werden kann. Es ist an der Zeit, dass die Regierung sich endlich unserem Kampf zum Schutz der Frauen anschließt.«

Über 300 Institutionen und Unternehmen, angefangen von der Knesset über die Stadtverwaltungen von Tel Aviv, Jerusalem und Haifa bis hin zu Firmen wie Super-Pharm oder Ebay ­Israel unterstützten die Proteste und ermöglichten ihren Angestellten die Teilnahme ohne Lohneinbußen. Auch solidarisierten sich zahlreiche Prominente wie die Schauspielerin Gal Gadot, bekannt aus dem Film »Wonder ­Woman«, die Siegerin des diesjährigen Eurovision Song Contest, Netta Barzilai, und Nechama Rivlin, die Gattin des Staatspräsidenten Reuven Rivlin, mit den Demonstrierenden. In Tel Aviv trugen 150 Frauen und Männer gemeinsam Särge durch die Stadt und Straßenschilder wurden mit den Namen ermordeter Frauen überklebt. 

Vor allem Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wurde dafür kritisiert, dass seine Regierungskoalition noch vor wenigen Wochen gegen die Einrichtung einer parlamentarischen Untersuchungskommission gestimmt hatte, die sich des Themas häuslicher Gewalt annehmen sollte. Als Netanyahu kurz darauf erklärte, dass der Besuch eines Frauenhauses ihn dazu motiviert habe, nun doch ein ministerielles Komitee mit ihm an der Spitze einzusetzen, »um diesen Frauen eine bessere Zukunft zu ermöglichen und Hoffnung zu machen«, klang das wenig überzeugend. Schließlich sind entsprechende Hilfsprogramme und Unterkünfte völlig unterfinanziert und die Regierung zeigt weiterhin keine Bereitschaft, die notwendigen Gelder zu bewilligen. »Das ist alles eine Sache der Prioritäten«, fasste es Ksenia Svetlova zusammen, eine Knesset-Abgeordnete von der ­oppositionellen Zionistischen Union. »Und die Sicherheit von Frauen steht da wohl eher ganz unten auf der Liste.«

So einte die Wut über die Passivität der Regierung und das Ausmaß der Gewalt Israelis unabhängig von ihrer ­sozialen, religiösen oder ethnischen Herkunft. Vor allem viele arabische Frauen waren auf den Demonstrationen zu sehen. Nicht ohne Grund, schließlich wird fast die Hälfte aller Frauenmorde in Israel an Araberinnen verübt, und das, obwohl arabische Israelis nur rund 20 Prozent der Bevölkerung repräsentieren. Schuld daran sind aber nicht nur die berüchtigten »Ehren­morde«, sondern ebenfalls die Tatsache, dass ihnen deutlich weniger Schutz ­gewährt wird als jüdischen Frauen. So wie im Fall von Kefaia, einer 42jährigen arabischen Israelin, deren Mann versucht hatte, sie mit einem Messer zu töten und dafür eine Gefängnisstrafe von gerade einmal fünf Monaten ­erhielt. »Ich hatte viel zu lange Angst, darüber zu reden, weil innerhalb der arabischen Gesellschaft das Thema hochsensibel ist«, sagte sie der New York Times. »Aber ich kann nicht länger dazu schweigen.« Das vereint sie zweifelsohne mit der Mehrheit der Israelis, die gleichfalls nicht mehr tatenlos ­zusehen wollen, wie Frauen Opfer von Gewalt werden.