Der »schwarze Samstag« in Paris. Ein Bericht

Plus de rouge, s’il vous plaît

Reportage Von

Vom Pariser Bahnhof Saint Lazare setzt sich spontan ein Protestzug in Bewegung. Sein Ziel ist es, sich den Protesten der gilets jaunes (Gelbe Westen) auf den Champs-Élysées anzuschließen. Angeführt wird die Demonstration von Assa Traoré vom Comité Justice pour Adama, das zu einer Kundgebung aufgerufen hatte. Assa ist die Schwester von Adama Traoré, der vor zweieinhalb Jahren im Alter von 24 Jahren unter ungeklärten Umständen in Polizeigewahrsam ums Leben gekommen ist

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In der Woche zuvor, als es auf den  Champs-Élysées zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Gelben Westen und Polizei kam, hat Youcef Brakni vom Comité Justice pour Adama erklärt, warum die antirassistische und migrantisch geprägte Gruppe solidarisch mit den Protesten der gegen die Benzinpreiserhöhung und für eine gerechtere Besteuerung sei: »Wir wissen auch, wie wichtig die Zeit ist, um zur Arbeit zu kommen, um die undankbarsten Aufgaben des Kapitalismus zu erfüllen, für einen miserablen Lohn, der hauptsächlich für das Wesentliche draufgeht.« Die gilets jaunes seien für ein Leben in Würde auf die Straße gegangen, nicht um Araber oder Schwarze zu vertreiben. Neben Assa Traoré läuft der Schriftsteller Édouard Louis. In Deutschland ist er bekannt wegen eines in der Zeit veröffentlichten Beitrags, in dem er als Linker Sympathie und Verständnis für die Proteste der Gelben Westen äußerte. 

Dem Aufruf des Comité Justice pour Adama sind offenbar viele gefolgt, die bei Protesten, die in ihrer Anfangsphase einen eher rechten Einschlag hatten, nun eine Wende nach links bewirken wollen.

Überhaupt sind dem Aufruf des Comité Justice pour Adama offenbar viele gefolgt, die bei Protesten, die in ihrer Anfangsphase einen eher rechten Einschlag hatten, nun eine Wende nach links bewirken wollen. Gewerkschafter mit schwarzen Helmen und orange­farbenen Westen schließen sich an und aus den Seitenstraßen kommen junge Männer und Frauen, die unter ihren gelben Westen sportliche schwarze Kleidung und Sturmhauben sowie Gasmasken tragen. Die antirassistischen Parolen, die Gerechtigkeit für die Opfer rassistischer Polizeigewalt fordern, werden bald übertönt von Rufen nach dem Rücktritt von Präsident Emanuelle Macron und dem universalen Schlachtruf des urbanen Riots – »Tout le monde déteste la police« (Die ganze Welt hasst die Polizei).

Bald blockiert eine Polizeieinheit in Kampfmontur mit einem Wasserwerfer die Straße. Einige Demonstranten beginnen die Absperrung einer Baustelle niederzureißen, der Wasserwerfer schießt eine Ladung in ihre Richtung und es knallt mehrmals laut. Tränengaskartuschen regnen auf die Demonstrierenden herab, die Menge beginnt sich zurückzuziehen. Auf dem Weg werden Mülltonnen, Motorroller und das Mobiliar von Cafés auf die Straße geworfen und angezündet.

Acte IV-Feuerwehr

Ein Feuerwehrmann löscht in einer Seitenstraße ein brennendes Auto

Bild:
Michael Trammer

Auf den Grands Boulevards kommt der von der Polizei vor sich her getriebenen Menge ein anderer Demonstra­tionszug entgegen. Dessen Teilnehmer tragen ausnahmslos gelbe Warnwesten, ihre Kleidung ist weniger sportlich. Vorne weg läuft ein Mann, der die Tri­kolore schwenkt. »Das sind die echten gilets jaunes«, flüstert jemand, als die Menge die Marseillaise anstimmt. Es ist ein ergreifender Anblick, der die Ikonographie dieser Revolte für einen Moment bündelt: Die staatlich verordneten Warnwesten, die eine Vielzahl der Franzosen Tag für Tag für oft lange Wege zu ihrer schlecht bezahlten Arbeit mitführen muss, sind zum Symbol ihres Protests geworden. Die Bewegung ist vereint unter nationalen Symbolen, die stets auch den Ruf enthalten, die Erde mit dem Blut von Tyrannen zu tränken. Es ist keine fröhliche oder hoffnungsvolle Revolte, sondern eine dys­topische, so grau wie der Himmel, der dieser Tage über Paris hängt und dessen Anblick sich kaum von Tränengaswolken unterscheidet, in die die Polizei die Straßenzüge regelmäßig taucht. Manche Gelbwesten wollen Köpfe rollen sehen. Manche Äußerungen Macrons über die »Gauloises rauchenden Alkoholiker« aus den deindustrialisierten Regionen des Landes, die sich einfach mal einen Job suchen sollen, erinnern an den Marie Antoinette zugeschriebenen Rat, die Leute sollten Kuchen essen, wenn sie kein Brot haben. 

Auch wenn ein Großteil der gilets jaunes aus weißen Prolls zu bestehen scheint, so nehmen auch viele Migrantinnen und Migranten an den Protesten teil. Tausende Menschen in gelben Westen ziehen scheinbar ziellos durch die Straßen von Paris. 

Eine kleine Gruppe von etwa 20 französischen Nazis steht etwas unschlüssig in einer Seitenstraße des Boulevard Malesherbes. Auf diesem findet bei Einbruch der Dunkelheit eine sonderbare Auseinandersetzung statt. Eine große Menge von Vermummten, bei denen es sich mutmaßlich um linke Autonome handelt, wird immer wieder von der Polizei mit Tränengas- und Blendgranaten beschossen, um sie auf Abstand zu halten. Gruppen von Jugendlichen zertrümmern derweil die Schaufenster einiger Banken, ein paar Autos gehen in Flammen auf. An eine Fassade hat jemand »Yellow is the new red« gesprüht. Weder Polizei noch Vermummte scheinen es auf eine direkte Konfrontation abgesehen zu haben. Keine polizeilichen Prügelorgien wie etwa bei den G20-Protesten in Hamburg, aber auch keine Steinwürfe auf die Polizei. Für einen Moment wirkt es, als befleißige man sich hier einer kultivierteren Form des Riots – ­einer, bei der die Körper der Beteiligten zu Ungunsten von leblosen Objekten geschont werden. Was ist schon ein verbranntes Auto gegen einen Schädelbruch?

Der Stadtplanerin Daniela aus São Paulo ist dennoch nicht ganz wohl bei der Sache, obwohl sie mit vielen Anliegen der Proteste sympathisiert. Bei einem Glas Rotwein reflektiert sie die Ereignisse der vorigen Woche. Sie hat Zweifel daran, dass es gelingen wird, aus den Protesten der Gelben Westen eine linke Bewegung zu machen. Sie lebt seit zwei Jahren in Paris und die Proteste erinnern sie an ähnliche in Brasilien vor einigen Jahren – eine Bewegung, die letztlich im Ruf nach einem starken Mann und der Wahl des Rechtsextremen Jair Bolsonaros zum Präsidenten mündete.