Ein kritischer Blick auf die Zusammenarbeit der Künstlerin und Theoretikerin Hito Steyerls mit der Mäzenin Julia Stoschek 

Unkritisierte Verstrickungen

Die Medienkünstlerin Hito Steyerl gilt im internationalen Kunstbetrieb als besonders einflussreich, gerade wegen ihrer kritischen Positionen. Was an ihrer eigenen Teilfinanzierung durch die Kunstmäzenin Julia Stoschek problematisch ist, thematisiert sie nicht.

Den Kunstbetrieb zu kritisieren, gehört in der zeitgenössischen Kunst mittlerweile zum guten Ton. Die Auseinandersetzung etwa mit problematischen Finanzierungsquellen von Kunst in die Institutionen selbst ­hineinzutragen, kann ein Störfaktor sein, aber auch kultureller Ablasshandel.

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Eine, die wie kaum jemand anderes diese Ambivalenz kühl und reflektiert beobachtet und verarbeitet, ist die Künstlerin und Theoretikerin Hito Steyerl. Ihre Texte haben wiederholt den Widerspruch zwischen Kritik und Überlebensnotwendigkeit im Kunstbetrieb thematisiert, und auch in ihrem neusten Aufsatzband »Duty Free Art« macht sie deutlich, dass Kunst heute nur schwer absolut integer inmitten fragwürdiger Strukturen bleiben kann. Gleichfalls plädiert Steyerl aber vehement dafür, zumindest einen offenen Umgang mit symbolischen und materiellen Verstrickungen zu finden. Wo aber ist nun eine Grenze des noch Hinnehmbaren zu ziehen? Das gestaltet sich auch bei Steyerl recht schwierig. An ihrer Zusammenarbeit mit der Sammlerin Julia Stoschek wird auf den zweiten Blick deutlich, dass auch Steyerl selber einen kritischen Umgang mit ihren Verstrickungen vermissen lässt.

Steyerl, Professorin an der Universität der Künste in Berlin, bewegt sich selbst oft ganz bewusst auf dünnem Eis, beispielsweise als sie 2013 an der Istanbul Biennale teilnahm, um dort die fragwürdigen Finanzierungsquellen und die politische Einbettung der Großausstellung selbst zu thematisieren. An anderer Stelle distanzierte sie sich, als sie etwa zu spät davon erfuhr, dass die Ausstellung »Deutschland 8«, bei der sie 2017 Arbeiten zeigte, vom Rüstungsunternehmen Rheinmetall ­finanziell unterstützt wurde.

Wenn Kunstproduktion durch Rüstungskonzerne oder autokratische Regime ermöglicht wird, ist das hochproblematisch und kann auch so von Kunstschaffenden benannt werden. Davon abgesehen gibt es aber auch andere problematische Verwicklungen, wie sie sich auch an Steyerls Beitrag für die Biennale von Venedig 2015 entdecken lassen. Die Kunstsammlerin Julia Stoschek unterstützte Steyerls gefeierte Arbeit »Factory of the Sun« für den deutschen Pavillon laut Angabe ihrer Stiftungsdirektorin über einen Verein »mit einem großzügigen Beitrag«, erwarb dann selbst eine Edition und stellte die Arbeit anschließend in ihrem Privatmuseum aus.

Die 1975 geborene Stoschek ist eine der wichtigsten Sammlerinnen von Videokunst und steht auch über die Fachpresse hinaus als »Screen Queen« im Rampenlicht. Nach einem Wirtschaftsstudium folgte eine kurze und erfolglose Tätigkeit als Galeristin, schließlich widmete sie sich dem Sammeln von Kunst. Stoschek wurde früh, wohl auch mit Hilfe ihrer guten Kontakte, Mitglied in Ankaufskommissionen, Gremien und Vorständen etwa der Kunstwerke Berlin, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und den New Yorker Museen Whitney und dem Museum of Modern Art.

Stoscheks rasanter Aufstieg hängt wohl mit dem symbolisch viel hermachenden, aber ökonomisch eher unverdächtigen Schwerpunkt ihrer Sammlung zusammen. Hunderte Arbeiten der sogenannten zeitbasierten Medien – Video, Installation, Digitales, Performance – lagern bei Stoschek nicht nur im Depot, sondern werden in ihrem Düsseldorfer Privatmuseum und dessen Berliner Dependance gezeigt. Finanziert werden der Ankauf, die Bewahrung und die Präsentation über ihre Privatmittel und die Julia Stoschek Foundation. Seit 2007 ist ihre Sammlung öffentlich zugänglich.

Die Mittel für Stoscheks anspruchsvolles Engagement stammen aus dem Unternehmen ihrer Familie. Sie ist aktive Gesellschafterin der Unternehmensgruppe Brose und kümmert sich dort um »die strategische Ausrichtung und Langfristplanung«. Das Coburger Unternehmen Brose Fahrzeugteile GmbH beschäftigt als Automobilzulieferer 25 000 Angestellte auf fünf Kontinenten. Der Umsatz lag 2016 bei über sechs Milliarden Euro. Vorsitzender der Gesellschafterversammlung ist Julia Stoscheks Vater, Michael Stoschek. Der Unternehmer betätigt sich seit langer Zeit mäzenatisch und ist Aufsichtsratsvorsitzender der Basketballmannschaft Brose Bamberg und Großspender der CSU, der er 2007 100 000 Euro zukommen ließ. Sein Engagement umfasst darüber hinaus die Erhaltung historischer Gebäude und die Unterstützung sozialer Einrichtungen. Für sein Unternehmer- und Mäzenatentum wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und dem bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet. Ein Teil des Gewinnes von Brose, welcher für die Gesellschafter abfällt, wird somit sowohl von Julia Stoschek für ihre Kunstsammlung verwendet als auch von Michael Stoschek gespendet.

Das Engagement der Brose-Gesellschafterin Julia Stoschek erscheint auf den ersten Blick zwar unverdächtig, aber gerade Hito Steyerl fordert ja bei solchen Kooperationen einen zweiten, kritischen Blick.

Dieses gute Image litt, als Michael Stoschek erinnerungspolitisch fragwürdige Positionen bezog. Als im Jahr 2004 der Coburger Stadtrat eine Straße nach Broses Firmengründer benennen sollte, kamen Zweifel bei Lokalpolitikern auf. Zu wenig geklärt und trotzdem schon zu belastend war die Rolle von Julia Stoscheks Urgroßvater Max Brose (1884-1968) im Nationalsozialismus. Die kriegsorientierte Wirtschaftspolitik der NSDAP brachte Brose Gewinne ein. Sonderfertigungen wie Benzinkanister für die Wehrmacht sowie Muni­tionsteile machten schnell den größten Teil des Umsatzes aus. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Zwangsarbeiter aus Frankreich und Kroatien, vor allem aber aus der ­Sowjetunion eingesetzt. Sie stellten 1944 fast ein Viertel der knapp 900köpfigen Belegschaft und waren in einem separaten »Russenlager« untergebracht. Max Brose trat 1933 in die NSDAP ein, trug als Präsident der IHK den Titel Wehrwirtschaftsführer und war Abwehrbeauftragter seines Unternehmens. Es gibt Indi­zien dafür, dass Brose in dieser Funktion als »Hilfsorgan« der Gestapo fungierte, sagte der Historiker Andreas Dornheim der Süddeutschen Zeitung.
 

Michael Stoschek hatte trotz dieser Fakten keine Bedenken, seinen Großvater durch einen Straßennamen würdigen zu lassen. Für ihn ist sein Großvater »vollständig reha­bilitiert«, er verweist auf das Urteil der Entnazifizierungskammer und der Spruchkammer von 1949, die Brose als Mitläufer einstufte. Auch be­sage das Dokument, dass die Zwangsarbeiter vergleichsweise gut behandelt worden seien und es für sie sogar Weihnachtsgeschenke von Max ­Brose gegeben habe. Zwei evangelische Pfarrer sahen das anders, in ­einem an den Stadtrat Coburg gerichteten Brief schrieben sie, Brose soll eine der ersten Hitler-Büsten Deutschlands besessen haben, auch soll er ein Haus eines enteigneten ­Juden gekauft haben.

Die Ablehnung des Stadtrats, die Straße umzubenennen, schien Stoschek als direkte Beleidigung seines Unternehmens und seiner Familie zu verstehen. Seine Spenden für Vereine und soziale Einrichtungen in Coburg stellte er daraufhin ein. Michael Stoschek kann keinen Fehler seines Großvaters erkennen, sondern beharrt auf seiner Sicht: Die NSDAP-Mitgliedschaft sei als rein opportunistisch einzuordnen und aus wirtschaftlicher Sicht wichtig gewesen. »Ich hätte genauso gehandelt«, sagt Stoschek dem Onlineportal Infranken.de.

2015 wurde erneut abgestimmt: Trotz Bedenken des Zentralrats der Juden, von Vertretern der evangelischen Kirchen, Gewerkschaften und Historikern stimmte der Stadtrat von Coburg nun für die Benennung der Straße nach Max Brose. Wie die DPA im Dezember berichtete, nahm der Brose-Konzern seine Spenden­tätigkeit für kulturelle und soziale Projekte in Coburg wieder auf.

Julia Stoscheks Kunstsammlung speist sich also aus den gleichen Finanzquellen, aus denen Spenden an eine Stadt finanziert werden, die dieser aber entzogen werden, wenn dem erinnerungspolitisch zumindest fragwürdigen Wunsch des Spenders nicht nachgekommen wird. Aber auch das Unternehmen selbst, dessen Besitzer den Profit für Kunst oder Soziales einsetzen, beschäftigte im Nationalsozialismus Zwangs­arbeiter und verdiente am Zweiten Weltkrieg. Wenn Kulturförderung von Waffenproduzenten wie etwa Rheinmetall heute zu medienwirksamer Kritik führt, sollte auch bei Fällen wie Brose klar sein, dass es sich um ein ehemaliges Rüstungsunternehmen der deutschen Kriegswirtschaft handelt. Das Engagement von Julia Stoschek erscheint auf den ersten Blick zwar unverdächtig, aber gerade Hito Steyerl fordert ja bei solchen Kooperationen einen zweiten, kritischen Blick.

Die Sammlerin und Unternehmerin Julia Stoschek kann nicht für ­Taten ihrer Vorfahren verantwortlich gemacht werden. Wenn sie aber die finanziellen Mittel nutzt, um eine extrem anerkannte Kunstsammlung aufzubauen, muss sie sich dazu Fragen gefallen lassen. Wie geht sie mit dem historischen Erbe ihres Unternehmens um? Wie steht sie etwa zu dem erinnerungspolitischen Kurs ­ihres Vaters? Von Steyerl und vergleichbaren Künstlern kann andererseits aber auch mindestens ein offener, kritischer Umgang mit Finanzierungsquellen erwartet werden. Insbesondere wenn die betreffenden Mittel eine Karriere in der Kunst ermöglichen und man in anderen Fällen Applaus für distanzierende ­Aktionen erhält.

Michael Stoschek hat bereits seinen Rückzug aus dem Unternehmen angekündigt und als Nachfolgerin wird auch Julia Stoschek gehandelt. Es könnte sich also bald etwas ändern an der Max-Brose-Straße 1, dem Hauptsitz von Brose. So könnte die historische Forschungslücke geschlossen und kritischer mit Verbrechen der NS-Wirtschaft umgegangen werden. Historiker und auch die von ­Julia Stoschek geschätzten, recherchekundigen und kritischen Künstlerinnen und Künstler könnten hier aktiv werden, beispielsweise Hito Steyerl und die stark von ihr beeinflusste Künstlergeneration. Bei ihnen liegt eine Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Erinnerungspolitik in Verbindung mit dem Kunstbetrieb so nah, dass man sich wundert, wieso noch nicht zu Brose gearbeitet wurde. Dafür könnte Geld eingesetzt werden und Stoschek könnte entscheiden, ob auch sie Geschichte nach ihrem Geschmack schreiben will oder doch der Wahrheit den Vorzug gibt.

Julia Stoschek betonte mehrfach in Interviews, dass Kunst für sie kein Spekulationsobjekt sei, was bei ihrem Vermögen allerdings auch nicht verwundert. Was ihre riesige Sammlung ihr aber einbringt, ist enormes symbolisches Kapital in Form von Prestige und Ansehen. Ein wirklich kritischer, reflektierender Umgang mit ihrem Familienunternehmen wäre nicht nur dringend nötig, sondern könnte ihr in der heutigen ­Anerkennungsökonomie der Kunst sogar noch einen zusätzlichen symbolischen Gewinn einbringen.