Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 46

Katzenscheiße, Frieden und gute Laune

Kolumne Von

Die Hauptarbeit im Garten ist getan. Da bleibt Zeit für das Liegengebliebene. Liegen bleibt jeden Morgen die Scheiße von Nachbars Katze. Den Sommer und Herbst über kam ich vor lauter Arbeit – als Kleingärtner kümmere ich mich schließlich um die Ernährung der Menschheit – nicht dazu, mich darüber aufzuregen: Allmorgendlich liegt auf dem Gartenpfad ein frischer Haufen. Ich könnte vor Wut in die Luft gehen – wie das berühmte HB-Männchen, das Menschen nicht mehr kennen, die mit Google aufgewachsen sind. Aber die können immerhin bei Google nach­lesen, was es mit dem HB-Männchen auf sich hat. Meine Phantasie ist gnadenlos: Was würde ich alles machen mit diesem Tier, wenn ich es zu greifen bekäme? Ich würde als allererstes meine gute Kleingärtnerkinderstube vergessen und dem lieben Katzenvieh den Hals umdrehen. Und weil sicher sicher ist, würde ich dies gleich viermal machen. So, jetzt ist es raus. Und sage nur ja keiner, dass Kleingärtner keine Gefühle haben. Es wäre nicht gut, diesen ganzen Katzenscheißärger weiterhin in mich hineinzufressen. Dabei hat mich die Redaktion ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in Städten viele Katzenliebhaber leben und dass solche Gewaltphantasien nicht gut ankommen bei einem Teil der Leserschaft. Das mag sein, aber ich muss jeden Tag mit dem Katzenmist klarkommen. Uns Kleingärtnern hilft keiner. Da helfen wir uns halt selbst, zumindest in der Phantasie.

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Was geht sonst ab im Garten? Erstens: Die Rucola tut sich schwer in der Kälte. Aber da es noch nicht ganz kalt ist, ist das Kraut noch nicht verschwunden. Nur wachsen tut es in dieser Jahreszeit nicht mehr. Wenn man das mit der Gentechnik hinbekäme, dass Rucola im Dezember wüchse, könnte das ein Argument für Gentechnik sein. Da muss ich mal drüber nachdenken. Jedenfalls wäre ein Rucola­salat ab und an im Dezember nicht zu verachten und ein Alleinstellungsmerkmal des letzten linken Kleingärtners.

Zweitens: Das weihnachtliche Ritual steht bevor. Zwei Tage nach Erscheinen dieser Kolumne bringe ich mein Tauschgeschäft des Jahres über die Bühne: ein Kofferraum voll Grünkohl gegen Bayern-Tickets. Da muss man erst mal drauf kommen. Ein Freund von mir hat seit gefühlten Jahrzehnten zwei Dauerkarten des großen FCB.

Und ich habe leckeren Grünkohl im Garten. Also überlässt er mir pro Saison zwei Tickets für ein ausverkauftes Spiel und ich überlasse ihm eine ordentliche Portion dieses klassischen Wintergemüses. Tja, als Kleingärtner dealt man am Finanzamt vorbei. Old school eben.

Drittens: Kurz vor dem sich abzeichnenden Kälte- und Wintereinbruch habe ich den Garten noch ein bisschen aufgeräumt. Die Estrichmatten, an denen die Erbsen rankten, habe ich aus dem Boden gezogen, das verdorrte Erbsenkraut entfernt, die Matten fein aufgestapelt und ordentlich zur Seite gestellt. Denn Ordnung im Garten ist wichtig. Das Gleiche habe ich mit den Bohnenstangen gemacht: raus aus dem Boden, das Bohnen- mit dem Erbsenkraut auf den Komposthaufen und die Stangen in die Scheune, weil sie dort trocken lagern und so jahrelang halten. Und weil Erbsen wie Bohnen Leguminosen sind und Stickstoff an ihren Wurzeln anreichern, habe ich vorher das Kraut kurz über dem Boden abgeschnitten. Der Stickstoff soll schön in der Erde bleiben, weil er das Wachstum der Pflanzengeneration im nächsten Frühjahr fördert. Daran sieht man wieder, dass ein Kleingärtner einen Plan und eine Strategie hat und nie nur in den Tag hinein lebt. Ach, was schreibe ich da: Unsereiner ist ein Visionär.

Wenn ich all dies hinter mir habe, bereite ich mich mental langsam auf die alljährliche Demonstration »Wir haben Agrarindustrie satt« am 20. Januar zu Beginn der Internationalen Grünen Woche in Berlin vor. Und ich habe eine linke Kleingärtnervision: Ich sehe vor meinem geistigen Auge Heerscharen von Kleingärtnern aus dem Norden, aus dem Süden, aus dem Westen und aus dem Osten karawanenartig nach Berlin ziehen und das Klagelied gegen die böse Agrarindustrie anstimmen – und zugleich das Loblied auf die wärmende, reine, liebevolle bäuerliche Landwirtschaft. Gut gegen Böse. Ohne Wenn und Aber, das letzte Gefecht. Ach, wenn man die Industrie nicht als Feindbild hätte, müsste man sie glatt erfinden. Und wie gut, dass ich als Kleingärtner keine Industrieprodukte verwende, kein Auto fahre, keinen PC bediene, kein Handy mein eigen nenne, nix Kühlschrank, nix Waschmaschine, nix Fernsehen.

Ich bin eins mit meinen vier Hühnern. Als Rundumselbstversorger lebe ich wie all die anderen Teilnehmer dieser Demonstration vor mich hin und lasse die Industrie Industrie sein. »I’m the greatest«, hat Muhammad Ali immer wieder gesagt. Recht hatte er. Und dann hat er den anderen die Fresse poliert. Nein, so was mache ich selbstverständlich nicht, weil Gewalt und so. Ich will Frieden. Es ist genug geistiger und realer Unfrieden in der Welt. Als Kleingärtner bin ich der geborene Mediator und bringe Frieden, Gerechtigkeit, Genügsamkeit und gute Laune.

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