Der Ideologiekritiker Wolfgang Pohrt ist gestorben

Letzte Klarheit

Ein Nachruf.
Von

Mit »Letzte Klarheit« ist ein Aphorismus in den »Minima Moralia« überschrieben, der sich den für Nachrufe typischen Floskeln widmet. Adorno sieht in der den Verblichenen üblicherweise attestierten Güte und Nachsichtigkeit nichts Positives, im Gegenteil: Güte stehe vielmehr für eine Haltung, die das »universale Unrecht« hinnimmt, um »jede konkrete Verantwortung« zu leugnen; Nachsicht wiederum für die Duldsamkeit den Menschen gegenüber, so wie sie eben seien, damit sie ja nie werden, was sie sein könnten. Wer im Gegensatz zu den als gütig und nachsichtig Gerühmten hingegen, so Adorno, »nicht böse ist, lebt nicht abgeklärt, sondern in einer besonderen, schamhaften Weise verhärtet weigneten Objekten weiß er seiner Liebe kaum anders Ausdruck zu verleihen als im Haß gegen die unge­eigneten.«

Pohrts Hass war nicht von jener Art, die sich daran delektiert, wie die Menschheit an ihrer eigenen Blödheit zugrunde geht, sondern immer noch getrieben davon, das besonders Schlimme möglichst nicht eintreten zu lassen, auch wenn das Gute unerreichbar bleibt.

Die »ungeeigneten Objekte«, die der kurz vor Weihnachten 72jährig gestorbene scharfzüngige Polemiker und hellsichtige Ideologiekritiker Wolfgang Pohrt hasste, waren die Geis­tesleuchten und Wortführer der deutschen Protestbewegungen. Er hasste sie mit vollem Recht, denn deren größte Errungenschaft war es, wie Pohrt ohne jede Nachsicht bloßlegte, die deutsche Ideologie ihrer Väter und Großväter ökologisch, pazifistisch, erinnerungskulturell und verantwortungsethisch zu modernisieren. Und er hasste sie letztlich vergeblich, denn diese Modernisierung gelang so gut, dass die Narre­teien jener Eiferer, die Pohrt in den achtziger Jahren angriff – die Robert Jungks, Helmut Gollwitzers, Rudolf Bahros, Petra Kellys etc. –, heute den Katechismus der feinen Gesellschaft eines neuen Deutschlands darstellen: von der Nachhaltigkeitsbesessenheit über die Kultursensi­bilität für Kinderehen bis zur Schröpfung der Mieter und Pendler, die unter Energiewende und Klimaschutz firmiert.

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Diese Vergeblichkeit seines Hasses hatte Pohrt bereits, als Gerhard Schröder noch einfacher niedersächsischer Landtagsabgeordneter war, »zur Geschäftsaufgabe als Ideologiekritiker« getrieben. Im Frühjahr 1989 schrieb er: »Der letzte und wichtigste Grund zur Geschäftsaufgabe aber sind die Perspektiven einer Generation, auf die man sich als Publizist beziehen muß, wenn die eigenen Impulse und Motive in einer bestimmten Entwicklungsphase dieser Generation gebildet wurden. Der Reihe nach hat sich diese Generation (…) für die Neue Subjektivität, für das naturverbundene Leben, für den Weltfrieden, das völkische Erwachen und viele andere Dinge engagiert, deren Aufzählung nur noch ermüden würde. Während sie in all diesen Etappen ihres Niedergangs stets noch ein Gegenstand politischer Kritik geblieben war«, verwandele sie sich »nun in einen Gegenstand der allgemeinen anthropologischen Betrachtung«.

Diese Ankündigung war nicht wachsender Altersmisanthropie geschuldet. Pohrts Hass war nicht von jener Art, die sich daran delektiert, wie die Menschheit an ihrer eigenen Blödheit zugrunde geht, sondern immer noch getrieben davon, das besonders Schlimme möglichst nicht eintreten zu lassen, auch wenn das Gute unerreichbar bleibt.

So wandte sich Pohrt in den frühen neunziger Jahren endgültig vom polemischen Tagesgeschäft ab, in völliges Schweigen hüllte er sich dennoch nicht. Aus der Erfahrung, was passiert, wenn Deutsche die Welt retten wollen und besondere Verantwortung für die Vergangenheit, die Zukunft, den Globus oder den Frieden übernehmen, erwuchs Pohrts allgemeine Skepsis gegen den großen Fortschritt, der keine Rücksicht auf die Bedenken derer nimmt, die ihn ertragen sollen. »Ich sollte meine Marotten, ob angeboren oder erworben ist ganz egal, als solche erkennen, um die Welt und mich selbst vor ihnen schützen zu können. Zu diesen Marotten gehört wohl auch der Drang, ein Paradies auf Erden zu errichten«, sagte Pohrt im September 2012 einem ziemlich vorlauten Journalisten in Berlin, der ihn daraufhin indigniert fragte: »Das klingt, als sei ein halbwegs funktionierender Sozialstaat alles, was Sie sich politisch noch erhoffen?« »Eine andere Möglichkeit sehe ich im Augenblick wirklich nicht«, antwortete Pohrt wie immer wahrheitsgemäß. Das dürfte heutzutage vielen ebenso wenig passen wie sein Essay »Ein Volk, ein Reich, ein Frieden« über die deutsche Friedensbewegung 1981 den Lesern der Zeit.