Familienbande auf Japanisch: Hirokazu Koreedas Film »Shoplifters«

Neue Familien braucht das Land

In »Shoplifters«, dem erfolgreichsten Film in diesem Jahr in Japan, sprengt Regisseur Hirokazu Koreeda den traditionellen ­japanischen Familien­begriff.

Die Familie ist in den ­Filmen des japanischen Regisseurs Hirokazu Koreeda ein instabiler, tief verletzbarer, aber auch extrem anpassungsfähiger Organismus. Basierend auf einem realen Fall, der sich 1988 in einem Stadtteil von Tokio ereignete, erzählt er in »Nobody Knows« (2004) von vier Kindern, die von der Mutter alleine in der Wohnung zurückgelassen werden. Anstatt zu verzweifeln, schaffen sie sich zumindest für gewisse Zeit ein geborgenes und halbwegs geregeltes Zuhaus – aus Angst vor der Entdeckung und den Konsequenzen leben sie komplett von der Außenwelt isoliert. Koreeda spart die Verwahrlosung und die Last der Verantwortung, unter der insbesondere die älteren Geschwister leiden, zwar nicht aus, doch sein Interesse gilt mehr den Freiräumen innerhalb des von den ­Heranwachsenden selbstorganisierten Lebens. So widmet er sich mit Geduld und Offenheit ihren Spielen und anarchischen Ritualen (Jagd­züge im Supermarkt).

Es dauert eine ganze Weile, bis man begreift, dass in dem Drei-Generationen-Haushalt niemand mit irgendjemandem verwandt ist.

In »Like Father, Like Son« (2013) müssen die Eltern zweier sozial sehr unterschiedlich gestellter Klein­familien erfahren, dass ihre sechsjährigen Söhne bei der Geburt durch einen dramatischen Fehler vertauscht wurden. Die institutionellen Vertreter wie Anwälte und Ärzte, aber auch die Verwandten beharren darauf, dass die Kinder zu ihren biologischen Vätern und Müttern gehören. »Menschen sind wie Pferde«, heißt es einmal, »alles kommt aufs Blut an.« Und tatsächlich wird die Verwechslung durch einen Rücktausch korrigiert – mit teils schmerzhaften Folgen für alle Beteiligten. Der Film erschüttert die Werte der traditionsbewussten japanischen Gesellschaft mit der Frage, was eine Familie ausmacht: die Blutsbande oder das soziale Miteinander?

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Koreedas neuer Film »Shoplifters – Familienbande« (2018), in diesem Jahr mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet, führt beide Arbeiten thematisch zusammen. Und wie viele Werke Koreedas beginnt auch dieser Film in jenem Tonfall heiterer Gelassenheit, den manche Kritiker vorschnell als »süßlich« ­abtun – und als ein Zugeständnis an den Publikumsgeschmack werten. Zu unbeschwert klimpernder Musik sind Osamu Shibata (Lily Franky) und der kleine Shota (Kairi Jyo) in bester Teamarbeit beim Klauen im Supermarkt zugange, mit geschmeidiger Eleganz kommunizieren Vater und Sohn über Blicke und Handzeichen. Das fluffige Intro mündet ­unmittelbar in  ein Sozialdrama, als die beiden auf dem Heimweg ein kleines Mädchen (Sasaki Miyu) entdecken, das in eiskalter Nacht auf dem Balkon eines Wohnhauses ausgesperrt wurde. Osamu nimmt sie kurzerhand mit nach Hause, wo sich sofort eine Diskussion über die ­Legalität dieses »humanitären« Kidnappings entspinnt. Irgendwie ­einigt man sich darauf, dass es sich nicht um eine Entführung handeln kann, weil erstens niemand das Mädchen als vermisst meldet und es zweitens keine Lösegeldforderung gibt.

Das rumpelige Heim der Shibatas, ein zwischen andere Gebäude ein­geklemmtes Häuschen, wie es sich vermutlich nur in Tokio finden oder eben gerade nicht finden lässt – tatsächlich hat es etwas von einem ­Versteck –, ist zunächst ebenso schwer einzuordnen wie seine Bewohnerinnen und Bewohner. Neben Osamu und seiner Frau Nobuyo (Sakura Ando) leben dort auch die alte Großmutter Hatsue (Kirin Kiki) und ihre Enkeltochter (Mayu Matsuoka), die zunächst Sayaka genannt wird, dann Lin und schließlich Aki. Offensichtlich sind Namen ebenso wie Verwandtschaftsbeziehungen bewegliche Elemente, die an jene Mitglieder verteilt werden, die sich in der Lebens- und Wohn­gemeinschaft gerade aufhalten. Yuri, das kleine Mädchen mit den blauen Flecken und einer Brandwunde am Körper, ist fortan Shotas Schwester.

Es dauert eine ganze Weile, bis man begreift, dass in dem Drei-Genera­tionen-Haushalt niemand mit irgendjemandem verwandt ist. Vielmehr haben sich in dieser Wahlfamilie, die der weit verbreiteten Redewendung widerspricht, dass man sich seine Familie beziehungsweise Eltern nicht aussuchen kann, vom Leben beschädigte Menschen zusammengefunden – gesellschaftliche Außenseiter oder, wie Nobuyo, am Ende sagt, »Weggeworfene«.

Mit Tricksereien und schlecht bezahlten Jobs hält man sich irgendwie über Wasser – Osamu arbeitet auf ­einer Baustelle, Nobuyo in einer ­Wäscherei, Aki in einer Peepshow –, existenzsichernd ist jedoch vor ­allem die Rente der »Alten«, die sich von der Familie ihres verstorbenen Ex-Mannes manchmal zusätzlich noch etwas Geld abholt. Auch Yuri wird bald als Ladendiebin eingespannt – damit sie auch das Gefühl hat, etwas zum Unterhalt beizutragen. Ähnlich wie in »Nobody Knows« muss die wahre Geschichte der ­Familie nach außen hin geheimgehalten und geschützt werden. Und auch hier ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Organismus zusammenbricht.

»Shoptlifters« ist ein Film in kräftigen Farben und softer Textur, gedreht wurde auf 35 mm. Aber nicht nur das Bild arbeitet dem Modus der Elendsbeschreibung entgegen. Alles erscheint leicht angewärmt und aufgeweicht. Dabei können das charmane Gewusel im Heim der Shibatas und die niedlichen Kindergesichter kaum den Blick darauf verstellen, dass sich hinter der gegenseitigen Fürsorge und Solidarität auch ein pragmatisches Tauschgeschäft verbirgt. Großmutter Hatsue etwa teilt Wohnraum und Rente, weil sie nicht alleine sterben will. Und für die Aufnahme von Aki, Enkeltochter ihres Ex-Mannes, bekommt diese möglicherweise Geld, das die Eltern für ihr schlechtes Gewissen bezahlen. Das »Sharing« ist Lebens- und Überlebensmodell. Koreeda greift mit seinem Film eine ganze Reihe von sozialen Missständen in der japanischen Gesellschaft auf: von der stark tabuisierten Armut über das dramatische Problem der Über­alterung und Alters­einsamkeit bis hin zur Wohnungsmisere.

Mit schöner Beiläufigkeit erforscht Koreeda in den für die klassischen Filme von Yazujirō Ozu typischen tiefen Einstellungen die Ökonomie des Raumes, die Kamera ist auf Höhe der Tatamimatten platziert. Trotz des ersten Eindrucks von Messietum – Kleider, Kisten, Essgeschirr, Wasch­sachen und allerhand Plunder verteilen sich über Boden oder Wände –, scheint es doch ein gewisses Ordnungssystem zu geben. Jeder Zentimeter wird ausgenutzt, die Kinder etwa haben ihr »Zimmer« in den Wandschränken mit Schiebetüren – es sind kleine, feine Wohnhöhlen. Von der minimalistischen Wohnkultur, die auch die filmischen Bilder von Japan dominiert (an der natürlich trotzdem vieles den Tatsachen entspricht), könnten die prekären Wohnverhältnisse der Shibatas kaum weiter entfernt sein.

Koreeda aktiviert die Affekte eines herzergreifenden Familiendramas, um von den emotionalen Verdichtungspunkten aus die Perspektive auf die gesellschaftlichen Randbereiche zu öffnen. Dieses Konzept ist auch kommerziell aufgegangen – in Japan jedenfalls ist »Shoplifters« der erfolgreichste Film in diesem Jahr. Koreedas zärtlicher Blick gilt vor ­allem dem Vater-Sohn-Verhältnis innerhalb der Familie, deren Zusammensetzung in der Logik der Behörden nichts anderes als kriminell ist. Dabei ist es so: Sie alle wurden weggeworfen und sie alle haben sich ­gegenseitig gefunden.

 

Shoplifters – Familienbande. (Japan 2018). Regie: Hirokazu Koreeda. Lily Franky,
Sakura Ando, Mayu Matsuoka, Sasaki Miyu. Bereits angelaufen.