Anke Stelling schreibt über den Selbstbetrug im Alternativmileu

Die Lebenslügen der Weltverbesserer

Endlich eine Autorin, die die Ökonomie nicht unterschlägt: Anke Stelling beschäftigt sich mit Biographien im Neoliberalismus.

Anke Stelling schreibt in ihren Romanen »Bodentiefe Fenster« und »Schäfchen im Trockenen« über das Leben im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Milieustudien, könnte man meinen. Aber ihre Kritik geht jeden an, der glaubt, mit Einkäufen im Bioladen, mit kreativen Abenteuerspielplätzen, Tauschbörsen oder ­gemeinschaftlichem Wohnen würde die Welt ein Stück besser werden.

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Dabei ist Stelling selbst so eine Weltverbesserin. »Es gibt kein richtiges Leben im falschen«, zitiert sie Adornos berühmten Aphorismus. »Aber ich will ja auch, dass es eins gibt. Ich will weiter darüber nachdenken«, sagt sie bei einer Tasse Earl Grey-Tee in einem Café am Helmholtzplatz.

Stelling, 1971 in Ulm geboren, wohnt um die Ecke, da, wo ihre Romane spielen: in einem Baugruppenprojekt, einer gewollten Idylle, die sich Gleichgesinnte nach langen Diskussionen geschaffen haben. Aber sie hat ein Problem mit dieser Idylle. Denn in dieser Welt herrscht ein Zwang zum Glücklichsein. »Was willst du denn noch?« wird ihrer Roman­figur Sandra in »Bodentiefe Fenster« entgegengehalten, wenn sie ihre Zweifel an der Idylle mitteilt.

Gnadenlos setzen die ehemaligen Freunde die Logik der Schuldzuschreibung gegen die sozial Schwächere durch und verweigern jedes Nachdenken über die eigene Klassenposition.

Ihre Hauptfiguren Sandra und Resi in »Schäfchen im Trockenen« hadern mit Gleichheitsidealen, die sich nicht erfüllen lassen. In »Bodentiefe Fenster« begleiten Grips-Theater-Lieder Sandras Gedanken: »Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind?«

Dafür sind dann die Mütter die Dummen. Sandras Mutter und die ihrer Freundinnen verzweifelten an ihren Idealen. Bei ihrer Kinderladenfreundin Tinka durfte täglich eine Rasselbande das Haus verwüsten. Die Mutter Marlies fand das schön, so bunt und kindgerecht, räumte lächelnd auf. Irgendwann schaffte sie es nicht mehr und lan­dete in der Psychiatrie.

Auch Sandra, inzwischen selbst Mutter, schafft es kaum. Doch sie will es unbedingt, das gute emanzipierte Leben. Schnell die Weingläser auf den Tisch stellen, wenn die kinderlose Mitbewohnerin zu Besuch kommt, damit sie bloß nicht denkt, man sei nicht glücklich. »Das ist nämlich die wahre Kunst: lässig zu bleiben beim Kochen und Backen, genauso wie bei der Kinderaufsicht. Sich zweizuteilen, in Wahrheit über wichtigere Dinge nachzudenken, sich mit Freunden zu unterhalten, Wein zu trinken, Utopien zu entwerfen. Alles gleichzeitig zu machen und zu sein«, räsoniert Sandra.

Anke Stelling sagt, auch sie verlange sich das ab, gehe abends mit Freunden aus und leide zugleich unter dem Anspruch: »Ich bediene die Vereinbarkeitslüge. Man muss aufpassen, dass das nicht zum Selbstzweck wird.«

Trotz aller Abgründe ist »Bodentiefe Fenster« auch eine witzige Geschichte über die Absurditäten des politisch korrekten Alltags. »Schäfchen im Trockenen« hingegen ist so bitterböse, dass die Lektüre fast Übelkeit auslöst. Doch zur Seite legen kann man das Buch nicht.

Zu Recht ist der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden, allerdings fragt man sich, was die Jury bewogen hat, das Buch als »verstörend uneindeutige, scharf belichtete Momentaufnahme« zu loben. Es ist weder uneindeutig noch eine Momentaufnahme. Der Roman ist eine schonungslose Kritik von Klassenstrukturen in der Mittelschicht, die eine Generation spalten, die sich selbst für egalitär und emanzipiert hält und glaubt, sich auf den Errungenschaften der Eltern­generation ausruhen zu können, ohne die Verhältnisse selbst noch hinterfragen zu müssen.

Dabei gäbe es Grund dazu: Protagonistin Resi konnte nicht mit ins Hausprojekt einziehen, denn ihr fehlt das nötige Eigenkapital. Damit sie dennoch in der Nähe ihrer alten Studienfreunde im teuren Bezirk bleiben kann, nimmt sie das Angebot an, zur Untermiete in die freiwerdende Altbauwohnung zu ziehen, die einem der Wohngenossen gehört. Resis Leben ist in jeglicher Hinsicht prekär: Sie ist Schriftstellerin, ihr Mann Künstler, sie haben vier Kinder und kein Erbe zu erwarten. Aber ist sie deshalb arm? Eine Freundin sagt ihr, sie könne doch gar nicht arm sein bei all den Büchern, die sie besitzt.

Damit sie mit den Kindern im Sommer an die Ostsee fahren können, schreibt sie für ein Magazin darüber, wie es ist, als Drittletzte im Bezirk in einem Haus zu wohnen, das keinen Projektnamen trägt, über ihren Neid auf den begehbaren Kleiderschrank ihrer Jugendliebe und dessen Ver­legenheit, als sie ihn entdeckt.

Nach der Veröffentlichung reden die Freunde nicht mehr mit ihr. Die Jugendliebe sagt: »Du hättest mitmachen können. Es ist peinlich, wie du dich zum Opfer stilisierst.«

Tatsächlich hätte sie einziehen können. Der Wohlhabendste im Projekt hatte angeboten, ihr 50000 Euro zu leihen. Sie schlug das Angebot aus.

Resi weiß, dass es Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als ihr. Sie weiß, dass sie andere Entscheidungen im Leben hätte treffen können, etwas anderes studieren, ihre Jugendliebe aus gutem Hause heiraten. Sie ist selbst schuld.

Stelling nennt das die »neoliberale Erzählung« und erklärt: »Wir nehmen alles auf uns selbst, statt es als gesellschaftliches Phänomen zu sehen. Wenn du selbst schuld bist, bist du kein Opfer.

Niemand will Opfer sein. Ich spüre das auch bei mir. Darum funktioniert diese Lüge so gut.«
Aber Resi wird dann doch Opfer. Als sie einen Roman über das Wohnprojekt veröffentlicht, kündigt der Freund ihren Untermietvetrag. Es ist die Quittung für den Verrat an der Gemeinschaft.

Angesichts explodierender Mieten kann sie nur noch in Randbezirken eine neue Wohnung für die sechsköpfige Familie finden. In ihren Alpträumen sieht sie sich in einer Plattenbausiedlung in Marzahn.

Gnadenlos setzen die ehemaligen Freunde die Logik der Schuldzuschreibung gegen die sozial Schwächere durch und verweigern jedes Nachdenken über die eigene Klassenposition. Denn in ihrer Welt gibt es keinen Klassenunterschied. Sie alle gehören zur Mittelschicht.

Dabei sind die Freunde durchaus mitfühlende Menschen, die bereit sind, gegen das Unrecht in der Welt zu kämpfen. Aber man will es nicht bei sich haben. Die Armen – das sind die anderen. »Zu einem Arbeiter würde man nie sagen, dass er selbst schuld sei«, sagt Stelling. Dabei ­verdient der Arbeiter, sofern es ihn noch gibt, oft mehr als so mancher Akademiker, der das Falsche studiert hat.
Kürzlich habe ihr eine Journalistin erzählt, die über den Roman schreiben wollte, dass der verantwortliche Redakteur den Stoff als Luxusproblem abgetan habe. Er hätte lieber einen Bericht über eine Krankenschwester gelesen, die wirklich in Marzahn lebt.

»Aber die Linie verläuft nicht zwischen Krankenschwester und Aka­demikerin«, sagt Stelling.
Politisch fordert sie eine radikale Umverteilung. Für den Umgang miteinander wünscht sie sich »schmerzhafte Ehrlichkeit«. Sie macht das an der Figur des potentiellen Kreditgebers Ingmar fest. »Warum will er 50 000 Euro verleihen? Er will damit eine bunte glückliche Welt erkaufen. Ingmar müsste darüber reden, dass er sein Geld wegwünscht. Es ist ihm unangenehm zu sehen, dass es Leute gibt, die keins haben. Es ist ja nicht so toll, sich als Linker mit 80 000 Euro Jahresgehalt abzuschotten.«

Im wahren Leben geht es Anke Stelling besser als Resi. In ihrem Haus reden die Genossen zwar nicht mehr mit ihr. Aber weil die Romane ein Erfolg waren, kann sie sich nun locker den Urlaub an der Ostsee leisten.

 

Anke Stelling: Schäfchen im Trockenen. Verbrecher-Verlag, Berlin 2018, 272 Seiten, 22 Euro