Verunsicherte Wochenendväter

Superhelden im Supermarkt

Von Vätern, die ihre Kinder nur an Wochenenden betreuen, denkt man oft, sie nähmen ihre Rolle nicht ernst. In Wirklichkeit sind sie besonders verunsichert und brauchen Anerkennung.

Samstagmittags in einem gewöhnlichen deutschen Supermarkt kann man sie in Aktion beobachten. Undefiniertes Alter, strahlend, gut gestylt – sie haben eine Mission: mit dem Kind einkaufen gehen. Es sind die Wochenendväter.

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Der Samstagseinkauf ist für Väter dieser Kategorie nicht eine der vielen nervigen Alltagspflichten, die man als Vollzeitelternteil so hat, sondern ein richtiges Erlebnis. Sie tun alles, damit es für das Kind auch so wird. Und so wird der Supermarktbesuch theatralisch inszeniert, damit er dem Kind in Erinnerung bleibt.

Man muss diese Väter ein bisschen verstehen. Denn das mit der Männlichkeit, dem Vatersein und den Geschlechterverhältnissen ist heutzutage wirklich kompliziert geworden. Man kann den Samstagsvätern nicht wirklich böse sein, wenn sie sich für ein paar Stunden in der Woche wie Superhelden fühlen, weil sie mit ihren Kindern ­gewöhnliche Dinge machen. So etwas will auch gelernt sein. Diese verunsicherten Männer suchen vor allem eines: Anerkennung. Jeder entzückte Blick von Fremden an der Kasse, wenn das ­Einkaufserlebnis sich zum Ende neigt, signalisiert ­ihnen: Ihr könnt das!

Bei denjenigen, die sich für das Modell »Kleinfamilie, klassisch« entschieden haben, kann es vorkommen, dass der Samstag für den Samstagsvater irgendwann ein Ende hat. So ein Kindtag kann nicht ewig dauern. Irgendwann braucht der Samstagsvater seine Freizeit.

Häufig denke ich mir, ich hätte auch gewollt, dass alle mich wie den hippen Vater ansehen, der seinen Kleinen prüfen lässt, ob jede einzelne Kirsche »richtig rund« ist. Ich hätte sogar den »Ausländerbonus« bekommen – der ist für diejenigen gut getarnten Ausländer reserviert, die es trotz ihres Ausländerseins hinbekommen, zuckersüße blonde, blauäugige little Germans in die Welt zu setzen. Ich hatte aber meist kaum Zeit zum Spielen, weil ein durchschnittlicher Einkauf mit Kleinkind nach dem Abholen vom Kinderladen nicht länger als eine halbe Stunde dauern darf, wenn man rechtzeitig zu Hause sein will, um Abendessen zu machen und das Kind nicht allzu spät ins Bett zu bringen, und sich dann dem Rest der eigenen Existenz zu widmen – Arbeit, soziales Leben, Haushalt.

Überhaupt ist diese entzückte Aufmerksamkeit ein Privileg der Samstagsväter. Die Rest-der-Woche-Eltern, vor allem die Mütter unter ihnen, sind aber gar nicht neidisch darauf, sondern dem Samstagsvater unend­lich dankbar. Für diese wertvolle Zeit, die er ihnen schenkt – eine Art Kurz­urlaub vom Kind, der, wenn sie Glück haben, sogar länger als 24 Stunden dauern kann, also genug Zeit, um auszugehen und am nächsten Tag aus­zuschlafen, die Nacht durchzumachen, jemanden nach Hause mitzunehmen. »Wenn sie Glück haben« bedeutet in diesem Fall: wenn sie vom Samstagsvater getrennt leben.

Bei denjenigen, die sich für das Modell »Kleinfamilie, klassisch« entschieden haben, kann es vorkommen, dass der Samstag für den Samstagsvater irgendwann ein Ende hat. So ein Kindtag kann nicht ewig dauern. Irgendwann braucht der Samstagsvater seine Freizeit. Er hat viel zu tun. Er ist ja nicht umsonst Samstagvater – schließlich stehen an allen anderen Tagen wichtigere Dinge auf dem Plan, wie das Arbeitengehen, um Frau und Kind zu ernähren. Da bleibt nur der Samstagabend, um sich mit den Kumpeln zu treffen, das versteht eine gute Rest-der-Woche-Mutter meistens auch. Für sie ist die Freizeitgestaltung bekanntlich entspannter, denn zum Treffen mit befreundeten Müttern kann sie praktischerweise zum Spielplatz gehen.

Der fürsorgliche und gut organisierte Samstagsvater plant den Samstag so, dass genug Zeit bleibt, ein neues Rezept auszuprobieren, das Kind nach dem Abendessen ins Bett zu bringen und anschließend mit der Rest-der-Woche-Mutter noch ein Glas Rotwein zu trinken, um mit ihr die wunderbaren Eindrücke dieses Vater-Kind-Samstags zu teilen. Dann ist er weg, mit dem wunderschönen Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Wenn er mitten in der Nacht angetrunken nach Hause kommt, schlafen Mutter und Kind schon längst. Sie ist beim Kleinen eingeschlafen, der irgendwann wach geworden sein muss. Der Anblick erfüllt den Samstagsvater mit Glück. Ein Foto mit dem Smartphone für Instagram – ohne Blitz, versteht sich.

Er freut sich schon auf das gemeinsame Frühstück, das die beiden voller Freude am nächsten Tag auftischen werden, bevor er leicht verkatert aufwachen wird. Dann steht irgendeine gemeinsame Unternehmung auf dem Plan. Das wird schön.