Das Medium

Verspätete Gastrotipps

Wir waren pleite und die Suppe war heiß. Das Morena in Kreuzberg hat zugemacht.

Und dann ist plötzlich das Morena zu. Nicht dass es aus kulinarischen Gründen nun besonders schade wäre um das Restaurant in Kreuzberg, von dem es schon vor 25 Jahren hieß, dass man außer dem Frühstück dort lieber nicht essen sollte. Aber Wehmut sollte nicht durch kleinliche Realitätseinwände gestört werden.

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Und für Wehmut gibt es nun wirklich genug Gründe. Nicht nur, dass das Morena bis zuletzt kein Burger-Laden war, ihr wisst schon, diese hippe Art von Burger-Laden mit ihren extrem unwitzig-anspielungsreichen Namen, die sich selbst Friseurgeschäfte damals, als es bei ihnen plötzlich damit losging (»Hairoin«, »Haarscharf«), nicht getraut hätten. Und nicht nur, dass das Morena einen richtigen Raucherraum hatte.

Nein, das Morena gehörte, als die Jungle World ihre ersten Redaktionsräume bezog, zu den Restaurants, in denen wir während der mindestens 14stündigen Produktionsschichten freitags, samstags und sonntags essen gingen. Gut, im Morena nicht so oft, aber ein paar Häuser weiter im Café Marx sehr häufig, und manchmal gingen wir auch ins tja, wie hieß das noch? Dieser Laden in einer Seitenstraße Richtung Kanal, wo der Dings immer so gern hinwollte, weil es da Braten gab? Und manchmal holte der Chef, der natürlich nienichtkeinesfalls Chef war, in einem riesigen Topf fünf Liter Hühnersuppe für alle bei dem indischen Restaurant, dessen Alleinstellungsmerkmal es war, eine Mulligatawny herzustellen, die mit dem, was in anderen Lokalen angeboten wurde, nichts außer der Zutat Huhn gemeinsam hatte. Aber egal, wir waren alle pleite und die Suppe war heiß, was gegen die Kälte draußen und drinnen half.

Und nun sind sie alle weg, das Morena, das Marx, der Inder und der Laden in der Seitenstraße auch. Aber wir, wir sind noch da. Ha!