Julian Assange und die deutsche Presse

Zum Lunch kam Pamela

Die preisgekrönte Reportage. Auf den Spuren von Julian Assange.
Kolumne Von

»Er war ein Tier«, sagt Margret C. Sie nippt an einem Glas Bourbon, lässt ein vergoldetes Rocher-Bällchen aus der Packung direkt in den Mund ploppen. Zweieinhalb Jahre war sie als Exzessbeobachterin in der Botschaft von Ecuador angestellt, wichtige Dekadenzen gingen direkt über ihren Tisch. »Aber so etwas wie mit ihm habe ich noch nicht erlebt.«

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Besuch spätnachts. Laute Popmusik aus dem Radio. Riesenpizzen für vier Personen, von denen er immer nur die Hälfte aufaß. Ein bitterer Zug umspielt ihren Mund, als sie die Untaten von Ex-Präsident Alfredo Palacio aufzählt. »So kann man sich in einer Botschaft nicht aufführen!« Julian Assange hingegen hat sie nie gesehen. »Der kam erst nach meiner Zeit«, behauptet sie. Ein letzter Versuch, den umstrittenen Wikileaks-Gründer zu schützen.

Der Druck auf Assange steigt jeden Tag. In Schweden ist er wegen Vergewaltigung gesucht, in den USA wegen Spionage. In Deutschland hingegen, weil er sein Zimmer nicht aufgeräumt hat. Am Wochenende enthüllten deutsche Boulevardblätter, dass der wichtigste Whistleblower seit dem Rattenfänger von Hameln nicht nur ein schlechter Mensch war, sondern auch extrem unordentlich! Demnach waren ­seine Jahre in der Botschaft von unvorstellbaren Ausschweifungen ­gezeichnet: »Er spielte auf den Fluren der Botschaft Ball«, jammert Bild-Online; »Pamela Anderson hat ihn gelegentlich mit einem veganen Lunch-Paket besucht«, beklagt Watson.

Vorwürfe, die betroffen machen. Wenn sie stimmen, könnte Julian Assange vor das Internatio­nale Kehrwochengericht in Stuttgart gezogen werden. Derzeit prüft der britische Innenminister das Auslieferungsgesuch der deutschen Presse. Christian Stenzel ist Ressortleiter Politik und Wirtschaft bei Bild. Er trägt ein weißes Kayhan-Hemd, schwarze Jeans von Yazubi, ein beiges Sakko von Moderno. Der Look wird ergänzt durch dunkelbraune Schnürschuhe von Bugatti. Wir erhaschen den smarten Journalisten, als er vor dem Springer-Hochhaus ein Taxi ruft. Dann verschwindet der Wagen am Horizont. Wird es Assange auch so ergehen? Vielleicht kann das nur die Zeit zeigen.