Geschichte des Bauhaus in Perm

Einstürzende Bauhäuser

Im russischen Perm soll ein Gebäude abgerissen werden, von dem manche vermuten, dass der einstige Bauhaus-Direktors Hannes Meyer es entworfen hat.

Der dreistöckige Bau im traditionsreichen Arbeiterstadteil Motowilicha in Perm fällt ins Auge. Zwar ist das Grün der Fassade längst ausgebleicht, dennoch hebt es sich von den gedeckten Farben der Nachkriegsbauten ab, die das Haus mit der Adresse Uralskaja 110 umgeben. Lange Zeit diente es als Wohnheim der Technischen Berufsschule. Jetzt verrottet das »grüne Haus«, das eines der letzten Relikte des Bauhauses in der Region sein könnte. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr der berühmten Weimarer Architekturschule wurde das Gebäude für baufällig erklärt, nachdem eine Wand in einem Hausflügel eingestürzt war. Die Tage des 1924 errich­teten Hauses scheinen gezählt zu sein.

Das »grüne Haus« in Perm ist vom Abriss bedroht.

Bild:
Ewgeniy Kasakow
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Ob es tatsächlich zum Bauhaus-Erbe gerechnet werden kann, ist allerdings umstritten. Mit seinen Anklängen an eine klassizistische Architektur entspricht das Gebäude nicht unbedingt dem Bauhaus-Stil. Sicher ist: Die Region Perm ist mit der Geschichte der sogenannten Bauhaus-Brigade »Rotfront« in der Sowjetunion eng verbunden. Der Ausbau der Industrie im sowjetischen Ural bot Vertretern des Bauhaus die Möglichkeit, ihre Vorstellungen von Architektur und Stadtplanung in die Praxis umzusetzen. Die zu Perm gehörende Satellitenstadt Sakamsk, heutzutage als Unterschichtsghetto berüchtigt, hatte Hannes Meyer 1930 persönlich projektiert.
Der Basler Architekt leitete das Bauhaus in Dessau in den Jahren 1928 bis 1930 als Nachfolger von Walter Gropius und Vorgänger von Mies van der Rohe, in deren Schatten er bis heute steht. Seine radikalmarxistische Überzeugung passte nicht zum Selbstverständnis des apolitischen Bauhauses. Meyer war ein Verfechter interdisziplinärer Teamarbeit in »ver­tikalen Brigaden«, in ­denen Vertreter unterschiedlicher Fachrichtungen zusammenkamen.

Heute kann niemand mehr genau sagen, welche Gebäude von den Bauhaus-Brigadisten stammen. Bekanntlich entwarf Meyer ganze Stadtteile und beschäftigte sich nicht mit einzelnen Häusern.

Im Unterschied zu vielen anderen Industrievororten wurden in Sa­kamsk von Anfang an die Produktions­stät­ten von den Wohnbezirken durch Waldstreifen getrennt. Der Stadt­teil verfügt über ein eigenes Zentrum, und entlang des Ufers der Kama wurden Erholungszonen angelegt. Selbst nach den Jahrzehnten des sozialen Verfalls beeindruckt Sakamsk durch die funktionelle Planung.
Ursprünglich hatte Meyer vorgeschlagen, das Zentrum von Perm aus der historischen Stadtmitte in die proletarische Motowilicha zu verlagern. Zusammen mit dem Leningrader Institut für Stadtplanung wurde das Projekt einer neuen sozialistischen Stadt in der Gegend, in der heutzutage die Uralskaja-Straße verläuft, vorangetrieben. Auch wenn die Pläne nicht verwirklicht wurden, wurde aus dem Arbeitervorort, der vom restlichen Perm durch eine riesige Schlucht getrennt ist, ein moderner Stadtteil mit beeindruckender Infrastruktur.

Zwei Haltestellen vor dem zum Abriss verurteilten »grünen Haus« befindet sich ein weiteres Beispiel urbaner Visionen der Zwischenkriegszeit: die Wohnkomplexe des Mikro­bezirks Rabotschij poselok (Arbeitersiedlung) aus den dreißiger Jahren. Die Belegschaft der Permer Motorenwerke wurde aus Baracken in Häu­ser umgesiedelt, die als Modell für das »sozialistische Wohnen« dienen sollten. Gärten in den Innenhöfen, Läden und Kultureinrichtungen wurden in die Häuser integriert.

Der Architekt Hannes Meyer.

Bild:
Oslo Museum / CC BY-SA 4.0

Zu den marginalisierten Vertretern des Bauhauses gehört ein weiteres Mitglied von Meyers Brigade »Rotfront«: Philipp Tolziner, dessen Karriere tragische Züge trägt. Nachdem Tolziner seinem Lehrer Hannes Meyer nach Russland gefolgt war, wurde er Opfer der ersten stalinistischen »Säuberungswelle«, die innerhalb der großen Moskauer Ausländergemeinde einsetzte. Auch Meyer fiel in Ungnade, konnte als Schweizer Staatsbürger die Sowjetunion aber noch rechtzeitig verlassen, während seine Lebensgefährtin mit vielen anderen Ausländern ohne Prozess zum Tode verurteilt und erschossen wurde. Tolziner, der aus einer jüdischen ­Familie stammte und einen deutschen Pass besaß, war die Flucht zurück nach Deutschland verwehrt. Nahe der 200 Kilometer nördlich von Perm gelegenen Stadt Solikamsk verbüßte er eine zehnjährige Lagerhaft. Dass er überlebte, verdankte er dem Umstand, dass er unter Stalin als Architekt gebraucht wurde. Er entwarf Baracken, Wachtürme und die Villa des Kommandanten. Nach seiner Freilassung 1947 arbeitete Tolziner noch weitere 14 Jahre in der Region Perm als Architekt.

Heute kann niemand mehr genau sagen, welche Gebäude von den Bauhaus-Brigadisten stammen. Bekanntlich entwarf Meyer ganze Stadtteile und beschäftigte sich nicht mit einzelnen Häusern. Das Problem der Pro­venienz wird nun vielen historischen Bauten, darunter auch dem »grünen Haus«, zum Verhängnis. Oft lässt sich nicht nachweisen, ob ein Vertreter der Bauhaus-Brigade an dem Bau be­teiligt war und ob es als Architektur­denkmal erhaltenswert ist.

Weit über die Stadt verstreut stehen die Werke der sowjetischen Konstruktivisten, deren Namen Hinweise auf die Berufsgruppen geben, für die sie errichtet wurden: »Haus des Tschekisten«, »Haus der Stadtsowjetmitarbeiter«, »Haus des Hafenarbeiters«. Zahlreiche dieser Bauten sind dem Verfall preisgegeben. Mit dem geplanten Abriss des »grünen Hauses« an der Uralskaja-Straße würde ein weiteres Zeugnis der urbanen Moderne in der östlichsten Millionenstadt Europas verschwinden.

Das Urteil der für den Erhalt der zum Kulturerbe zählenden Bauten zuständigen Behörde fällt eindeutig aus: Meyers Mitwirkung an dem Bau lässt sich nicht nachweisen. Eine Gruppe von Aktivisten möchte den Erhalt des Hauses dennoch durchsetzen. Dass das Haus einer umfassenden Sanierung bedarf, ist unzweifelhaft. Im Zentrum für städtische Kultur kann man dieser Tage Bilder aus dem Inneren des maroden Gebäudes sehen. Die Foto- und Filmaufnahmen werden im Rahmen der Ausstellung »Permer Nachbarschaften« gezeigt. Derzeit leben in dem Gebäude noch rund 30 Mieter, die aus baufälligen Wohnhäusern dorthin einquartiert wurden. Ihre Erzählungen über das Leben in dem völlig heruntergekommenen  Haus können sich die Austellungsbesucher über Kopfhörer anhören.

Das 2016 eröffnete Zentrum ist ein Projekt der Stiftung von Nadeschda Agischewa. Die einzige Stadtdumaabgeordnete der sozialliberalen Partei Jabloko setzt sich für den Erhalt des »grünen Hauses« ein. Das historische Gebäude ließe sich, so Agischewa, zu einem kulturellen Begegnungsort machen, hätte die Stadtverwaltung den politischen Willen.

Auch der bekannte Moskauer Journalist und Stadtforscher Pawel Gnilorybow setzt sich dafür ein, dass das Bauhaus-Erbe am Ural im Jubiläumsjahr endlich die verdiente Würdigung bekommt. Er geht davon aus, dass das »grüne Haus« von Hannes Meyer entworfen wurde. Auch die in Perm lebende Journalistin Alina Komalutdinowa von der Internet-Zeitung Text ist dieser Meinung.
Noch vor einem Jahr war das Haus für eine Sanierung vorgesehen, da­r­an kann sich auch die Stadtteilaktivistin Anastasia Malzewa sehr gut erinnern. Das ehemalige Mitglied der trotzkistischen Revolutionären Arbeiterpartei ist eine Lokalberühmtheit von Motowilicha. Sie initiierte die Übergabe etlicher Hausanlagen in die direkte Mieterverwaltung. In den aus den dreißiger Jahren stammenden Häusern von Rabotschij poselok lebt die urbanistische Utopie weiter. Die Anwohnerinitiative legte in den verdreckten Innenhöfen Gartenanlagen und Spielplätze an. Das Projekt, das im Kampf gegen die Korruption in der kommunalen Verwaltung entstanden ist, wird zwar manchmal als »Sozialismus in einem Wohnbezirk« verspottet, dennoch ist es inzwischen eine der Sehenswürdigkeiten von Motowilicha geworden.

Malzewa zufolge ist das Ausbleiben der Sanierung des »grünen Hauses« ein Anzeichen dafür, dass man die Immobilie absichtsvoll verrotten lässt, um das Grundstück für profitbringende Bauprojekte freizumachen. Schließlich weigerte sich die Stadtverwaltung jahrelang, das Haus als einsturzgefährdet anzuerkennen. Malzewa möchte das Haus sanieren und es einer öffentlichen Nutzung zugänglich machen. Das wäre ganz in Hannes Meyers Sinne.