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Psychoanalyse und männliche Homosexualität

Das Gerücht hält sich hartnäckig: War Sigmund Freud homophob? Und was sind die Unterschiede zwischen Queer Theory und der Psychoanalyse? Der Sammelband »Psychoanalyse und männliche Homosexualität« beschäftigt sich mit diesen und weiteren Fragen. Die Herausgeber Patrick Henze, Aaron Lahl und Victoria Preis geben in ihrer Einleitung einen Überblick über den Stand der Debatte.

Dem Verhältnis der Psychoanalyse zur männlichen Homosexualität einen Sammelband zu widmen, könnte die nicht ganz unberechtigte Frage aufwerfen, was zu diesem im Jahr 2019 noch Besonderes mitzuteilen wäre. Homosexualität gilt der Weltgesundheitsorganisation seit 1990 nicht mehr als Krankheit, der Paragraph 175 wurde 1994 endgültig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen, 2006 wurde das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz erlassen und 2017 wurden Lesben und Schwule schließlich im deutschen Eherecht vollständig gleichgestellt. Auch die Zeiten, in welchen psychoanalytische Ausbildungsinstitute homosexuelle BewerberInnen aufgrund von deren sexueller Orientierung ablehnten, sind seit Ende der neun­ziger Jahre passé, und der psychoanalytische Diskurs der Pathologisierung der Homosexualität ist – ­zumindest offiziell – verstummt.

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Überhaupt scheint die Rolle, die ­Geschlecht und sexuelle Orientierung in der Gesellschaft spielen, an Bedeutung zu verlieren. So konstatierte kürzlich auch Martin Dannecker, dass die Sexualität heute ihren mythischen Sonderstatus eingebüßt habe. Durch den weitgehenden Wegfall sexueller Verbote sei dem Sex sein utopisches Pathos genommen. Dannecker befindet, »dass von einer mit dem sexuellen Handeln einhergehenden Transgression (heut­zutage) kaum mehr gesprochen werden kann«.

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