Gabriele D’Annunzio, italienischen Führer der »Kommune der Faschisten«

»Kult der Männlichkeit«

Kersten Knipp hat sich mit der Biographie des italienischen Dichters Gabriele D’Annunzio beschäftigt und seine Rolle bei der Besetzung der Hafenstadt Fiume, heute Rijeka, untersucht. Er habe sich als Drahtzieher in der »Kommune der Faschisten« betätigt, so ihr Fazit.
Interview Von

Im September 1919 besetzte der italienische Dichter Gabriele D’Annunzio zusammen mit seinen Gefolgsleuten Fiume, eine Hafenstadt im heutigen Kroatien. Warum fiel die Wahl ausgerechnet auf diese Stadt?
Im 19. Jahrhundert hatten die Ungarn, die Fiume als Teil des k. u. k. Imperiums regierten, italienische Kaufleute in die Stadt eingeladen. Den Italienern gelang es, wirtschaftliche Impulse zu setzen, und mit der Zeit stiegen sie zur ökonomischen und kulturellen Elite von Fiume auf. Laut Zensus von 1910 lebten in der Stadt 24 000 Italiener, 15 000 Kroaten und einige Tausend Bürger anderer Nationalitäten. Lange Zeit ging das alles gut, ohne größere Konflikte. Doch um die Jahrhundertwende ­kamen erste Regungen eines italienischen Nationalismus auf, der proklamierte: Fiume gehört zu Italien. Die italienischen Regierungen sprachen sich zwar durchweg dagegen aus. Doch als D’Annunzio und seine Gefolgsleute die Stadt im September 1919 besetzen, war Fiume zu einem Symbol geworden. Ohne die Stadt, so erklärte D’Annunzio, müssten sich die Italiener mit einer vittoria muti­lata, einem »verstümmelten Sieg«, begnügen. Fiume müsse italienisch werden, sonst sei der Sieg im Ersten Weltkrieg wenig wert. D’Annunzios Auffassung teilten damals viele nationalistische Italiener.

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Zuvor hatte D’Annunzio sich nicht als politischer Agitator betätigt, sondern vor allem schöngeistige Fin-de-Siècle-Literatur verfasst. Ist es nicht erstaunlich, dass ein anerkannter und erfolgreicher Dichter sich an die Spitze einer politischen, ja auch militärisch konfrontativen Bewegung setzen konnte?
In der Tat. D’Annunzio nimmt bei der Besetzung von Fiume die Rolle des Regisseurs und Drahtziehers ein. Er blieb sein Leben lang Dichter, und bei der Besetzung von Fiume agierte er als Demagoge mit feinem Gespür für kollektive Regungen. Wichtig ist hier auch sein gewandeltes ästhetisches Selbstverständnis: Nach einer schöpferischen Pause, die er wegen hoher Schulden in Frankreich verbrachte, sah sich D’Annunzio zu einer künstlerischen Neuorientierung ­gezwungen. Inspiration fand er, der stets bestens informiert war über kulturelle Entwicklungen und den Zeitgeist, in der futuristischen ­Ästhetik der Gewalt. Die Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti ­wollten das in ihren Augen in der christlichen und römischen Antike verhaftete Italien in die Zukunft ­holen: durch die Verherrlichung der Maschinen und die Preisung des Kriegs als Hygiene der Welt. Auch für D’Annunzio wurde der Krieg zu ­einem poetischen Rausch.

Inwiefern?
Indem er selbst am Ersten Weltkrieg teilnahm. Allerdings nicht als ano­nymer, austauschbarer Soldat, der die Schrecken selbst miterlebt, sondern als privilegierter »Kriegstourist«, der von den Befehlen der Vorgesetzten unabhängig war und nahezu uneingeschränkte Bewegungsfreiheit genoss. Im Alter von 52 Jahren erlebte der Exzentriker und Lebenskünstler den Krieg als großes impressionistisches Abenteuer. »Man versteht die Erregung jenes Geistes, der sich ›Militarismus‹ nennt«, hielt er diese Erfahrung einmal fest. Vor allem seine Flüge spielen hier eine wichtige Rolle. D’Annunzio saß zwar selbst nie am Steuer, sondern immer neben oder hinter dem Piloten, doch seiner erfolgreichen Inszenierung als Kriegsheld tat das keinen Abbruch. Als ein Ausweis seines Heldentums galt die bei einer Notlandung verlorene Sehkraft seines linken Auges, das er später gern mit einer Augenklappe verdeckte. D’Annunzio hatte ein feines Gespür für seine Wirkung.

Wie muss man sich D’Annunzios Flüge vorstellen – als große Gesten?
Bei seinen Flügen hatte D’Annunzio nicht nur Bomben dabei. Seinen ­bekanntesten Coup unternahm er am 9. August 1918: In einer Staffel von elf Flugzeugen steigt D’Annunzio bei Treviso in der Nähe von Venedig in die Luft, im Gepäck haben sie 40 000 italienischsprachige und 350 000 deutschsprachige Flugblätter. Ihr ehrgeiziges Ziel ist Wien, das rund 500 Kilometer Luftlinie entfernt liegt. Der Sieg der Alliierten ist zu diesem Zeitpunkt absehbar, und D’Annunzio und seine Mitstreiter kreisen gut 20 Minuten in 600 Metern Höhe über der Stadt und werfen die Flugblätter ab, die anfangen mit: »WIENER, lernt die Italiener kennen. Wenn wir wollten, wir könnten ganze Tonnen von Bomben auf eure Stadt hinabwerfen, aber wir senden euch nur einen Gruß der Trikolore, der Trikolore der Freiheit.« Anschließend fliegt die Gruppe unbehelligt zurück.

Welche Bedeutung hatte diese Aktion?
Flugblätter der Italiener über Wien – das war ein enormer symbolischer Triumph, nicht nur für die Italiener, sondern auch für D’Annunzio selbst. Indirekt war das aber auch ein militärischer Triumph, denn die Fliegerstaffel um D’Annunzio hatte gezeigt, wie wenig die Flugabwehr des Habsburgerreichs ihnen entgegensetzte, wie leicht sie sich umfliegen ließ. Zur Erinnerung: Der Einsatz von Flugzeugen war damals noch relativ neu, erst 1911 war der erste Luftangriff in der Geschichte des Krieges geflogen worden – übrigens von den Italienern, die das heutige Libyen bombardierten, wovon auch D’Annunzio sich damals derart euphorisieren ließ, dass er prompt ein huldigendes Gedicht verfasste.

Wie gelang es D’Annunzio, im richtigen Moment ausreichend Anhänger für die Besetzung von Fiume zu mobilisieren?
D’Annunzio propagierte die von ihm erfundene Idee des »verstümmelten Sieges« unentwegt. Das traf die Herzen vieler italienischer Nationalisten, die bereit waren, seine Pläne ­finanziell zu unterstützen oder in den wichtigen Zeitungen des Landes zirkulieren zu lassen. Diese Idee sprach zudem auch viele Soldaten an, die im Nachkriegsitalien keine Verwendung mehr für sich fanden: Hundertausende junge Männer, die nicht runtergekommen waren vom Rausch der Gewalt im Krieg, sahen sich nun mit Armut und einer am Boden liegenden Wirtschaft konfrontiert, sie suchten nach Sinn und weiterer Betätigung. Einige dieser Leute schlossen sich dann D’Annunzio an. Von Anfang an war die Besetzung jedoch ein aberwitziges und zum Scheitern ­verurteiltes Unternehmen, denn sie erfolgte gegen den Willen der italie­nischen Regierung, die in Teilen überrascht wurde, sowie der Alliierten, die in Paris Europa neu aufteilen wollten und Fiume dem Staat der Slowenen, Kroaten und Serben zuschlugen.

Trotzdem gelang es D’Anunnzio am 12. September 1919, Fiume mit etwa 200 Anhängern einzunehmen.
Später kamen noch einige weitere Tausend Mitstreiter dazu. Insgesamt aber waren die Besetzer eine überschaubare Gruppe von improvisierenden Abenteurern. Die unter den ita­lienischen Bewohnern Fiumes herrschende Euphorie fachte der sendungsbewusste Exzentriker D’Annun­zio vom Balkon des Stadtpalastes gleich nach dem Einzug weiter an. »Italiener von Fiume. Hier bin ich. Weiteres möchte ich heute nicht ­sagen«, begann er seine Ansprache. Seine Rede, die er nicht mit jenen Worten beendete, umriss keinen Plan und keine Strategie, D’Annunzio ­verriet nicht, wie er und seine Mitstreiter in den kommenden Monaten vorzugehen gedachten. Es ging um das rauschhafte Gefühl, dass er, der Erlöser von Fiume und Italien, endlich und tatsächlich da war.

Wie reagierte die italienische ­Regierung darauf?
Viele Italiener hatten zwar Sympathien für D’Annunzios Aktion, teilten seine rauschhafte Euphorie jedoch nicht. Ministerpräsident Nitti ­beschloss, maßvoll zu reagieren: Es sollte keine Intervention der Alliierten geben, damit die Stimmung der Ita­liener nicht unnötig angeheizt und D’Ann­unzio und seine Anhänger nicht zu Märtyrern gemacht würden. Deshalb umstellten alliierte Truppen die Stadt, verzichteten aber auf eine Blockade und ließen lebensnotwendige Güter in die Stadt. Es sollte alles vermieden werden, was D’Annunzios Image als nationaler Widerstandskämpfer beflügeln könnte.

Positionierte sich auch der spätere faschistische »Duce«, Benito Musso­lini, zur Besetzung?
D’Annunzio agierte in Fiume als Dichter, Mussolini hingegen blickte auf das Geschehen vor allem als strategisch kalkulierender Politiker. Ihm war klar, dass die Besetzung von Fiume ein diffuses, zum Untergang ­bestimmtes Happening war und der Aufstand, den ja auch er im Sinn hatte, nie und nimmer von dort ausgehen würde. Aus diesem Grund ­­verhielt sich Mussolini, der D’Annun­zio zunächst unterstützt hatte, sehr zurückhaltend und dachte nicht daran, seine Anhänger zur Unterstützung zu schicken. Auch wenn nicht wenige Faschisten von der – massenpsychologisch ja hochinteressanten – Fiume-Expedition begeistert waren.

Die Besetzung ließ sich knapp 15 Monate aufrechterhalten. Wie kann man sich den Alltag in Fiume vorstellen?
Von Anfang an war das ein autosuggestives, abenteuerumwehtes Unternehmen, ein Unternehmen, das Kraft in sich selbst finden musste, auch ­inspiriert von Aufmerksamkeit einer europaweiten Zuschauerschaft durch die regelmäßigen Zeitungsberichte. Der alliierte Cordon um die Stadt tat dafür natürlich ein Übriges. Gesteigert wurde das durch pseudopolitische Riten wie etwa D’Annunzios messianische Reden vom Balkon, die tagtäglichen Aufmärsche mitsamt Fahnenschwenken und Liedern, dem Sport, der Freikörperkultur und dem Kult der Männlichkeit. Dazu ­kamen nicht zuletzt der Kokainkonsum zumindest in der Führungs­riege sowie ein starkes erotisches Moment, denn viele italienische Frauen kamen auf Einladung nach Fiume, teils auch als Prostituierte. Wenn man so will, zog das besetzte Fiume party people der herberen Art an. Mit Arturo Toscanini gab 1920 sogar ein Weltstar ein Konzert in Fiume, im Rahmen einer Tournee und natürlich als großes Ereignis inszeniert, mitsamt einer Nachstellung von Kriegsszenen mit echten Kugeln. Marinetti,  D’Annunzios ästhetische Inspirationsquelle, reiste mehrmals nach Fiume. Er zeigte sich zwar beeindruckt von D’Annunzios elektrisierenden Reden, hat das Geschehen aber mit ausreichend Abstand beobachtet.

Wie endete die Besetzung?
Mit dem Grenzvertrag von Rapallo vom November 1920. Damit einigten sich Italien und das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen auch über den zukünftigen Status von ­Fiume: Die Hafenstadt wurde zu einem unabhängigen Freistaat erklärt. Die ermüdeten italienischen Besetzer waren auf einen harten Kern um D’Annunzio geschrumpft und versuchten die Stadt gegen vorsichtig agierende italienische Truppen zu verteidigen. Das war aussichtlos, so dass die hartnäckigen Besetzer am Ende aus der Stadt enttäuscht und unversöhnlich abzogen. Unter den 1922 an die Macht gekommenen Faschisten konnte sich D’Annunzio, von Mussolini protegiert, in einer zu einem Museum ausgebauten Villa am Gardasee zurückziehen. 1939 starb der Dichter und Demagoge, Fiume blieb bis 1947 unabhängig. Danach fiel es auf Grundlage einer Entscheidung der alliierten Siegermächte an die Volksrepublik Jugoslawien.

Kersten Knipp: Die Kommune der Faschisten. Gabriele D‘Annunzio, die Republik von Fiume und die Extreme des 20. Jahrhunderts. WBG-Theiss-Verlag, Darmstadt 2019, 288 Seiten, 25 Euro