Rehabilitierung der DDR

Deutsch und diszipliniert

Die Rechte lernt, die DDR zu lieben.
Kolumne Von

Die Geschichte des Kalten Kriegs wird von den Konservativen offenbar gerade neu geschrieben. Erinnern wir uns: Einst behaupteten sie, es gebe gar keine DDR, sondern allenfalls eine »DDR«, eher aber eine Sowjetische Besatzungszone. Dort würden 17 Millionen unschuldige Deutsche unter dem eisenbeschlagenen Stiefel des Iwan geknechtet, eifrig bespitzelt von der Stasi, unter hinter allem stünden die Horden der Finsternis, also der KGB. Wer die Entspannung im Verhältnis zu einem solchen Regime befürworte, könne bestenfalls ein Naivling sein, eher aber ein Verräter. Dann aber übernahm die westdeutsche Union die ostdeutsche Christlich-Demokratische Union, eine Blockpartei, deren Abgeordnete nur ein einziges Mal gegen die SED gestimmt hatten (1972, als es um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch ging) und deren Volkskammerfraktion sich 1990 durch die höchste Spitzeldichte auszeichnete.

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Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) war damals erst 15 Jahre alt, gibt sich aber als Kenner der ostdeutschen Seele. »Wir haben hier in den neuen Bundesländern eine besondere Sichtweise in Richtung Osteuropa. Wir kennen die Gefühle der Menschen, wir kennen auch die Geschichte und wir wollen die Dinge beim Namen benennen. Wir tun das aber nicht mit Vorhaltungen«, rechtfertigte er seine Forderung, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben. Das geht über den Einsatz für die Exportinteressen der sächsischen Wirtschaft deutlich hinaus, und auch ein Bekenntnis zum Erbe des homo sovieticus könnte anders ausfallen. Schließlich hat ein erheblicher Teil Osteuropas ein recht distanziertes Verhältnis zu dem Staat, der sich als Nachfolger der UdSSR geriert, und dem ehemaligen KGB-Agenten an dessen Spitze. In Polen, den baltischen Staaten und der Ukraine hält man auch wenig vom Pipeline-Projekt Nord Stream 2, bei dessen Gegnern Kretschmer »den Zungenschlag von amerikanischen Interessen« hört – also eine verräterische Solidarisierung mit jenen vernimmt, die, so lehrte es einst die SED, durch den Abwurf von Kartoffelkäfern aus ihren Flugzeugen die deutsche Ernte vernichten wollten.

Dass die extreme Rechte Wladimir Putins Russland als Vorbild betrachtet, ist hinlänglich bekannt, und deren Bild der DDR, wie auch das mancher Konservativer, fällt in der Rückschau milder aus. Sieht man von den sozialistischen Parolen ab – und wer nahm die schon ernst? –, bleibt ein sehr deutscher, dis­ziplinierter und von amerikanischer Unkultur weitgehend unberührter Staat. Dass Kretschmer nun auch in außenpolitischer Hinsicht AfD-Positionen übernimmt, ist ebenfalls keine Überraschung. Als Ministerpräsident eines Bundeslandes eine eigenständige Außenpolitik zu betreiben, haben aber bisher nur Bayern gewagt – aus einer deutlich stärkeren Po­sition. Horst Seehofer forderte bereits vor zwei Jahren ein Ende der Russland-Sanktionen und meint nun, dass es »in der Bevölkerung der neuen Länder eine andere Sicht auf Russland gibt« und man sich »ernsthaft und unaufgeregt« damit befassen müsse. Dem rechtskonservativen Flügel der Union geht es wohl nicht um eine grundsätzliche Abkehr von der trans­atlantischen Politik, möglicherweise aber um deren Ergänzung durch ein eurasisches Bündnis.

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