Der analoge Mann - Aus Kreuzberg und der Welt

Auf dem Tempelhofer Feld

Das Tempelhofer Feld in Berlin ist die größte innerstädtische Freifläche der Welt. Parkplaner und Gartenarchitekten haben es zum Glück nie in die Finger ­bekommen.

Es ist mir mittlerweile peinlich, aber ich gebe es jetzt mal zu: 2008 stimmte ich beim Volksentscheid zum Berliner Flughafen Tempelhof für den weiteren Betrieb des Flug­hafens – voll auf CDU-Linie. Zur Erklärung kann ich nur sagen, dass der Flughafen für mich und meine Freundin damals sehr praktisch war. In wenigen ­Minuten spazierten wir mit unseren Rollkoffern unten aus unserer Haustür raus, den Berg hoch auf den ­Columbiadamm und dann ­direkt ins Flughafengebäude hinein. So schnell wie über den Tempel­hofer Flughafen sind wir nie wieder irgendwohin ­gereist. Zum Hauptbahnhof oder einem der Berliner Flughäfen, die noch in Betrieb sind, dauert ist es jetzt immer mindestens eine Stunde. Fluglärm hörten wir in unserer Wohnung kaum. Den historischen Flughafen im Zentrum der Stadt zu benutzen, war einfach cool. Auch als ästhetisches Erlebnis: außen Nazibrutalismus, innen Fünfziger-Jahre-Flair. Als würde man in der Kulisse von Billy Wilders »Eins, zwei, drei« stehen. Mein Freundin fühlte sich wie Marlene Dietrich.

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Als das Tempelhofer Feld 2010 eröffnet wurde, waren wir natürlich trotzdem sehr zufrieden. Ziemlich schnell haben wir dort Tanzveranstaltungen organisiert. Mit zwei batteriebetriebenen Miniaturplattenspielern und einem ebenso betriebenen Gitarrenverstärker platzierten wir uns unter einigen der wenigen schattenspendenden großen Bäume in der Mitte des Parks – ein Picknick mit Tanz und bis zu 150 Leuten. Gelegentlich kamen die Parkwächter in einem Auto angerollt und sprachen mich an. Immer fragte anschließend jemand besorgt: »Und? Was ­haben sie gesagt? Sollen wir aufhören?« Und jedes Mal habe ich ge­antwortet: »Die haben gesagt: Sehr schön. Weitermachen. Hier ist unsere Karte. Wenn’s mal Ärger gibt, rufen sie uns an, dann kommen wir vorbei.« Ärger gab’s aber nie. Jedes Jahr kam mal wieder der Vorschlag, einen ordentlichen Tanzboden zu organisieren, aber umgesetzt wurde er nicht. Jahrelang tanzten wir auf dem ­rohen Asphalt. Es war mehr ein gemütliches Zusammensein im Park mit Musik. Der Tanz war zu vernachlässigen. 2014 stimmte ich beim Volksentscheid zum Tempelhofer Feld selbstverständlich gegen die ­Bebauung des Feldes.

Vor ein paar Jahren verwirklichten dann endlich Tänzer die Idee eines mobilen Tanzbodens an einer anderen Stelle im Park. Rollparkett wurde auf einem rechteckiger Platz auf der mittleren Flugbahn ausgelegt. Die Veranstaltung findet noch immer in unregelmäßigen Abständen zwischen 18 und 22 Uhr statt. Wir tanzen Balboa, einen Swing. Die einzige Regel gibt vor, dass alle nur einen Tanz machen, damit alle mal drankommen. Weil es eine zentrale Stelle ist und es auch wirklich seltsam aussieht, wie wir auf engstem Raum zusammengedrängt miteinander tanzen, bleiben viele Parkbesucher stehen, um zuzusehen. Gelegentlich spielt sogar eine Band dazu, am vergangenen Samstag waren es Los Swingones aus Mexiko.

Das Tempelhofer Feld ist laut Wikipedia die größte innerstädtische Freifläche der Welt. Es ist toll, mitten in der Stadt, wo sonst der Blick fast immer verstellt ist, auf dem Boden stehend so weit gucken zu können. Dieses Gefühl der Weite des früheren Flugfelds macht den besonderen Reiz aus. Dennoch scheint die Unordnung nach Eingriffen zu schreien. »Es soll alles so bleiben«, sage ich zu einer Freundin, »aber ein paar mehr Bäume könnten noch gepflanzt ­werden.« »Nee, finde ich gar nicht. Das würde doch die Sicht wieder ­einschränken«, antwortet sie. »Ja, jetzt am Abend ist es okay, aber komm mal mittags her, wenn es richtig heiß ist, dann findest du hier kaum Schatten. Dann sind alle Bäume schnell besetzt«, wende ich ein.

Die einzigartige Unordnung des Tempelhofer Felds ist fragil. Zum Glück haben Parkplaner und Gartenarchitekten es nie in die Finger ­bekommen. Die organische Unordnung des Parks ließe sich leicht ­kaputtordnen. Randbebauung wird auch immer mal wieder von Seiten der CDU und der SPD angedroht. Zum Glück ist das gesetzlich nicht vor­gesehen. Kluge Menschen haben ­alles, was Parkbesucher im Park unmittelbar erfahren und genießen, die Freiheit des Blicks und die unveränderte Natur, in das Gesetz zur ­Erhaltung des Tempelhofer Feldes geschrieben. Die Welt ist oft schlecht und die Menschen sind nicht gut, aber hier wurde mal etwas sehr Gutes getan. Wenn es irgendwann wieder darum gehen sollte, dafür zu kämpfen, bin ich dabei.