Lahme Literaten, Folge 18

Terra X für Altphilologen

Raoul Schrott kann auf den Markt werfen, was er will, das bildungsbesoffene Publikum frisst ihm aus der Hand.
Kolumne Von

Neben Produkten aus den Rubriken Belletristik und Sachbuch hat der Literaturwarenhandel eine Reihe von Protzbrocken im Angebot, die sich unter dem Begriff der Tertiärliteratur zusammenfassen lassen. Philologen und Philosophen, die sich von der ­Logik der Diskursivität eingeengt fühlen, und Dichter, denen Dichtung zu metaphorisch ist, um wahr zu sein, bieten hier reich ornamentierte Mischgebilde feil, die manchmal so viel wiegen, dass sie sich kaum nach Hause tragen lassen, und fast immer so gelehrt sind, dass sie nie gelesen werden. Urvater dieses Genres, das zu Unrecht als postmodernes Erbe der roman­tischen Universalpoesie gilt, ist der Schriftsteller und Komparatist Raoul Schrott.

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Er hat Dokumentationen zur Geschichte des Dadaismus und Surrealismus vorgelegt, bevor er 1997 mit der in jeder Hinsicht erschöpfenden Sammlung »Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren« ungeahnte Popularität erlangte. Zur gleichen Zeit veröffentlichte er seine Habilitation über »Poetische Strukturen von der griechischen Antike bis zum Dadaismus«, die seine übergeschichtliche Sicht auf Sprache und Literatur ausbreitete. Anders als gewöhnliche Qualifikationsarbeiten, die entweder ungeöffnet in Bücherschränken von Freunden verstauben oder gutwilligen Kollegen als gelegentlicher Valiumersatz dienen, wurde Schrotts akademischen Werken, wie allem anderen, was er in Antholo­gien, Übersetzungen und Dokumentationen zusammensammelte, der Nimbus des Geisteskrachers verliehen.

Seither konnte der »Poeta Doctus« (Wikipedia), dem es »um nichts Geringeres als um die Verteidigung der Poesie« geht (Die Zeit), auf den Markt werfen, was er wollte, das bildungsbesoffene Publikum fraß ihm aus der Hand: antike Astronomie (»Finis Terrae«, 1995), alt­ägyptische Liebeslyrik (»Die Blüte des nackten Körpers«, 2010), babylonische (»Gilgamesch Epos«, 2001) und griechische ­Mythologie (»Homers Heimat«, 2008), philosophisch verbrämte Neurowissenschaft (»Gehirn und Gedicht«, 2011) oder die ­Frage nach der Stellung des Menschen im Kosmos (»Erste Erde«, 2016).

Nacheifernde Kollegen

Historiker, Sprach- und Naturwissenschaftler fanden Schrotts Kulturgütersammlungen krass »horizonterweiternd« (FAZ), Assyrologen und Hethitologen stritten auf Dutzenden von Podien über seine »Thesen zu Homer und Troja« (Wikipedia), und die von ihm ausgelöste Kontroverse über die griechische Assimilation des Kults um die Göttin Hepat-Musuni ist bis heute nicht beigelegt.

Angesichts von Schrotts Monopol auf dem Produktsegment Terra X für Altphilologen droht in Ver­gessenheit zu geraten, wie viele Kollegen seinem Beispiel nacheifern. Irgendwo zwischen Durs Grünbein, der nur deshalb nicht als Tertiärliterat durchgeht, weil er unbedingt Primärliterat sein will, und Michael Köhlmeier, der sich seine Zeit mit Nachdichtungen antiker Sagen vertreibt und mit Schrott unter dem Pseudonym Martin Schneitewind mit »An den Mauern des Paradieses« eine fast schon wieder bemerkenswert leere Autofiktion vorgelegt hat, finden hier die Ovid- und Homer-Neuerzählungen von Christoph Ransmayr (»Die letzte Welt«, »Odysseus, Verbrecher«) und die Odyssee- und Titus-Andronicus-Theatralisierungen von Botho Strauß (»Ithaka«, »Schändung«) ihren Platz – Werke von Autoren, deren Neigung zu gelehrter Intertextualität sie immer wieder vom Primär- ins Tertiärsegment zieht.

Unklar ist, welche Menschen aus welchen Gründen solche Erzeugnisse literaturgeschichtlicher Wiederaufbereitung lesen. Aber auch darüber gibt es sicher schon eine Qualifikationsarbeit.