»Once Upon a Time in Hollywood«

Als im Kino noch geklatscht wurde

Quentin Tarantino hat einen Film übers Filmemachen gedreht. »Once Upon a Time in Hollywood« ist eine Hommage an die Traumfabrik der späten sechziger Jahre.

Der Alptraum eines jeden Rezensenten wurde in diesem Fall wahr: Man steht im Kinofoyer, um sich eine Pressevorführung anzuschauen, nur der Name steht nicht auf der Liste. Nach kurzer Klärung gelang es doch, in den Saal zu schlüpfen.

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Als wäre das nicht schon Schreck genug, tritt, kurz bevor der Vorhang sich öffnet, die Pressefrau vor das Pressepublikum und richtet freundlich einen Gruß von Quentin Tarantino höchstpersönlich aus, der darum bittet, den Plot des Films in den Besprechungen nicht zu sehr zu spoilern. Jetzt hat man doch noch Glück gehabt und ist reingekommen, darf aber nichts verraten?

Mit »Once Upon a Time in Hollywood« macht Tarantino seine Methode, Filme über Filme zu drehen, endlich explizit.

So viel auszuplaudern gibt es allerdings auch wieder nicht, der Film beschränkt sich darauf, zwei Tage im Los Angeles der späten Sechziger zu zeigen. Leonardo DiCaprio spielt den alternden, von zu viel Zigaretten keuchenden und von zu viel Schnaps gezeichneten Serien- und B-Movie-Darsteller Rick Dalton, der lernen muss, sich zusammenzureißen, um doch noch eine Art von Karriere zu machen. Sein Stuntman beziehungsweise sein Chauffeur ist Cliff Booth, gespielt von Brad Pitt, der gerne mit jungen Hippiemädchen flirtet (die allen Polizisten auf der Straße hinterher schreien, sie seien Faschisten) und der in Hollywoods Studios nicht gerne gesehen ist, da er seine Frau ermordet hat. Ricks Nachbarn sind seit kurzem die Polanskis, Regisseur Roman und seine schwangere Frau Sharon.

Mythos des Filmemachens

Da klingelt was? Exakt. Wir befinden uns im Jahr 1969, nördlich von Beverly Hills am Cielo Drive, wo am 8. August Susan Atkins, Charles Watson, Patricia Krenwinkel und Linda Kasabian, vier Mitglieder der Manson Family, aufgepeitscht durch ihren Guru Charles und die Musik der Beatles sich aufmachten, um »Pigs« zu töten, und am Ende die Schauspielerin Sharon Tate und ihre Freunde ermordeten. Der Film heißt »Once Upon a Time in Hollywood«, doch die Manson-Morde, auf die der Film Bezug nimmt, sind tatsächlich passiert und kein Märchen, wie der Titel suggeriert.

Cliff Booth (Brad Pitt) ist nur noch der Chauffeur und nicht mehr Stunt-Double seines Chefs, seit die Rollen knapp geworden sind.

Bild:
Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Tarantino ist kein Gauner, sondern ein Historiograph des Kinos.

»Once Upon a Time in Hollywood«? Das gab es doch schon mal! Dass Tarantino ein manischer Fan der Filme von Sergio Leone ist, kann als bekannt gelten. Und der hat gleich zwei Filme gemacht, deren Titel mit »Once Upon a Time« beginnen: »Es war einmal im Westen« (Verleihtitel: »Spiel mir das Lied vom Tod«) und »Es war einmal in Amerika«. Manche Fan des Originale tadeln gern, dass Tarantinos Filme ein bloßer Abklatsch dieser Italo-Klassiker seien, dabei sind sie kluge Aneignungen und Variationen der Dialoge und Kameraeinstellungen der Filme. Tarantino, der nie eine Filmschule besucht hat, lernte einfach direkt von den Großen, indem er sich ihre Arbeiten immer und immer wieder anschaute. Natürlich hinterlässt das Spuren.

Leone interessierte sich für den Mythos des Wilden Westens und gab ihm einen europäischen Dreh. Tarantino interessiert sich für den Mythos des Kinos und des Filmemachens, und um diesem auf die Schliche zu kommen, muss er sich ihm mit Haut und Haaren hingeben. Die Liebe des Regisseurs zum Material, die ihn zur Nachahmung anstiftet, wird von den Kritikern gern mit bloßem Diebstahl verwechselt.

Historiographie des Kinos

Dabei ist Tarantino kein Gauner, sondern gewissermaßen ein Historiograph des Kinos. Vor allzu offensichtlichen Anspielungen auf Leone muss man sich dieses Mal eh nicht fürchten, 1969 ist endgültig das letzte Jahr des alten Hollywood, Tarantinos Film erinnert vielleicht deshalb dieses Mal dank Jump Cuts und (selbst für ihn) ungewöhnlicher Erzählweise an französisches Kino á la Godard (den Tarantino verehrt) oder an Episodenfilme des New Hollywood.

Mit »Once Upon a Time in Hollywood« macht Tarantino seine Methode, Filme über Filme zu drehen, endlich explizit, indem er an den Ort geht, wo tatsächlich gedreht wird. Implizit ist sein ganzes Œuvre voll von diesen Anspielungen: »Pulp Fiction« war ein Gangster-Flick, »Jackie Brown« ein Heist-Movie mit Anklang an »Foxy Brown« (1974), »Kill Bill« enthielt Anspielungen auf Kung-Fu-Filme, den Film Noir und den Western. Tarantino, ein wahrhaft und im besten Sinne des Wortes postmoderner Regisseur, klaubt sich das zusammen, was ihm gefällt, und entweiht es, indem er ihm gleichzeitig Respekt zollt.

Hollywood wird hier aber auch als Ort groß in Szene gesetzt, genauso wie die sich dem Ende zuneigenden sechziger Jahre. Kaum eine Einstellung kommt ohne gemalte Filmposter, bunte Zeitschriften, quietschige Plakate oder grelle Neonreklame aus. Eine ohrenbetäubende Geräuschkulisse, bestehend aus Rock ’n’ Roll, Gerede im laufenden Fernsehen und Telefonklingeln, bestimmt die Tonspur. Es ist die Zeit, als man noch nachmittags ins Kino ging und das Publikum klatschte, wenn ihm etwas gefiel, das auf der Leinwand geschah.

Spritztouren und nackte Füße

Es ist bereits Tarantinos vierter Film in Folge, der nicht in der Gegenwart spielt: Er scheint ihrer überdrüssig. Sehen kann man das gleich zu Beginn des Films: Statt dem neuen erscheint das alte Logo von Columbia Pictures. Wer das nun für nervtötende Nostalgie hält, dem könnte man mürrisch entgegenhalten, dass so etwas Rührendem wie der Sehnsucht nach Vergangenem nichts vorzuwerfen ist, und darüber hinaus auch, dass es Tarantino neben Sentimentalität um das Erinnern geht. Er zeigt mit dem Finger drauf: Schaut mal, so war das früher mit dem Kino.

Party like it’s ’69: Sharon Tate (Margot Robbie) vergnügt sich auf einer Playboy-Party.

Bild:
Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

Wenn Tarantino eine Hommage an Hollywood dreht, wird das zwangsläufig auch zu einer Rundreise durch seine eigene Filmographie. Viele Motive aus »Once Upon a Time in Hollywood« kommen einem bekannt vor: Der Flughafen zu Beginn des Films ist derselbe wie der aus »Jackie Brown«, durch den die Stewardess Jackie, gespielt von Blaxploitation-Queen Pam Grier, zu Beginn stolziert, ein Mörderquartett läuft wie in »Kill Bill« auf und die Manie mit Autos kennt man bereits aus »Death Proof«.

Autos sind tatsächlich das zentrale Motiv dieses Films, was daran liegen mag, dass es kaum etwas gibt, das gefilmt so schön aussieht wie ein fahrbarer Untersatz. Die warme Sonne Kaliforniens wird von der Karosserie reflektiert, die langen Haare wehen bei der Spritztour in alle Richtungen, die nackten Füße machen es sich auf der Ablage gemütlich (Tarantino setzt seinen Fußfetisch in »Once Upon a Time in Hollywood« gradezu penetrant in Szene), der Lack leuchtet in bunten Farben, die Felgen blitzen.

Fiktion und Wirklichkeit

Das Auto spielt aber auch inhaltlich eine wichtige Rolle, denn während der eine Teil des Films in Hollywood und den dazugehörigen Hills spielt, wo die Schauspieler wohnen, spielt ja auch die Sekte um Manson eine Rolle, dessen Kommune abgelegen in der Wüste liegt und die nur mit dem Straßenkreuzer zu erreichen ist.

Es ist wirklich langweilig, darauf einzugehen, aber auch vor diesem Filmstart wurde erneut munter über Gewalt und angebliche Misogynie in Tarantinos Filmen publiziert. Eines der Manson-Girls scheint darauf anzuspielen, wenn sie im Film mit ihren Kumpanen den Mord an Tate diskutiert. Ihre Rechtfertigung für die geplante Tat: Hollywood zeige andauernd Gewalt und Mord, »wir töten die Leute, die uns beigebracht haben zu töten«.

Diese irre Rechtfertigung, diese fehlende Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit, diese dumpfe Verrohung, diese grenzenlose Instrumentalisierung, die in diesem Moment aus der Figur spricht, wirkt wie eine vernichtende Antwort auf diese müßige Debatte. Vielleicht werden einige der Kritiker überrascht sein, wenn sie den Film sehen. Denn so viel darf verraten werden: In Filmen wie in Märchen – immerhin trägt der Titel das »Es war einmal« in sich – geht es, ganz im Gegensatz zum Leben, meist gut aus.

Once Upon a Time in Hollywood. USA/UK 2019. Buch und Regie: Quentin Tarantino. Darsteller: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie