Lahme Literaten, Folge 19

Die Poesie des Teebeutels

Jan Wagner am Frühstückstisch.
Kolumne Von

Als Jan W. eines Morgens aus ­ruhigen Träumen erwachte, fand er auf seinem Nachttisch eine Tasse kräftigen schwarzen Tees vor, den seine Großmutter Edith gerade frisch aufgegossen hatte. Da er sich am Abend zuvor bei der Lektüre von Eduard Mörike (»Auf eine Lampe«) und Rainer Maria Rilke (»Blaue Hortensie«) in die Poetik des Dinggedichts vertieft hatte, nahm er sofort das schwarze Notizbuch zur Hand, in das er seit seiner Studienzeit Parerga und Paralipomena zu notieren pflegte und das für Fälle spontanen Schwer­denkertums stets griffbereit lag.

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»Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?« exzerpierte er aus dem Stegreif Mörikes Lampenhymne: »Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.« Nach langem Sinnen kommentierte er behutsam: »Ja, wer achtet der Lampe Gebild? Wer achtet der Blume Bläue? Nicht jene, denen die Lampe leuchtet, nicht jene, die der Blume Wurzel wässern. Doch wie viel geringer die Zahl jener, die beim Brühen bitteren Tees des Beutels Faden achten! Oder des leinenen Säckchens, das der Blätter Krumen bindet wie der Kristall das Licht?«

Er nahm den Beutel aus der Tasse, warf ihn in den Bio-Müll und schlürfte das lauwarm gewordene Gebräu. Edith klopfte, trat ein und stellte ein Tablett mit Teekuchen und einer Schale Quittengelee neben die Tasse auf den Nachttisch. »Probier mal, Bub, die haben wir selbst gemacht.« Jan schmierte etwas Gelee auf den Teekuchen, biss ab, tauschte Löffel mit Stift und notierte: »wir schnitten, / viertelten, entkernten das fleisch (vier große / hände, zwei kleine), / schemenhaft im dampf des entsafters«.

»Aber der Beutel, der Beutel«

Weil er allem Traditionalismus abhold war, schrieb er alle Wörter klein. Und weil er gleich Rilke die zwischen Frage und Ausruf hängegengebliebene Deklamation schätzte, beendete er die Vignette mit den Worten: »wer konnte, wollte / quitten begreifen, / ihr gelee, in bauchigen gläsern für die / dunklen tage in den regalen aufge- / reiht, in einem keller von tagen, wo sie leuchteten, leuchteten«. Womit er gleich noch Mörike untergebracht hatte.

»Aber der Beutel, der Beutel«, rief Jan aus und fuhr sich durchs Haar. »Der Beutel braucht doch seinen Platz! Gewähre ich ihm ein Gedicht? Oder nur einen Satz?« Weil sich das reimte, freute er sich kurz. Doch Oma Edith hub sogleich mit ihrer alten Klage an: »Tante Ellie weiß gar nicht, wie du mal auf eigenen Füßen stehen willst mit deinem Herumgedichte. Du kannst doch nicht den ganzen Tag wie ein Eremit in deiner Höhle hocken.« »Der Eremit in der Höhle«, sprach Jan, »das ist es! Nur bin ich es nicht, Edith, der Eremit ist der Beutel. Ich dagegen neige zum Humoristischen.« Und er schrieb ins schwarze Buch: »nur in sackleinen / gehüllt. kleiner eremit / in seiner höhle. / nichts als ein faden / führt nach oben. wir geben / ihm fünf minuten.«

Edith sagte missbilligend: »Was soll denn die Höhle von dem Beutel sein? Die Tasse? Das ist aber kein gutes Bild. So wird das nie was mit dir. Ich geb’ dir fünf Minuten, um das Geschirr abzuspülen. Danach hilfst du mir beim Teppichklopfen!« Jan gehorchte, weil er die Frauen und die Alten stets in Ehre hielt. Als er neun Jahre später den Mörike-Preis der Stadt Fellbach entgegennahm, hat er Edith in seiner Dankes­rede namentlich erwähnt und sich mit den Worten »Ein Gedicht stellt andere Fragen als ein Leitartikel« zur Autonomie des Ästhetischen bekannt. Und seit er 2017 den Georg-Büchner-Preis erhalten hat, macht sich Tante Ellie keine Sorgen mehr um Jans Zukunft.