Sleater-Kinney - The Center Won’t Hold

Da waren's nur noch zwei

Sleater-Kinney klingen auf ihrem neuen Album nur noch wie eine Dublette ihrer Produzentin St. Vincent.

Die Lider sind geschminkt wie die von Kleopatra. Drei einzelne Augen sind es, die einem aus Ausrissen von Porträtaufnahmen entgegenschauen. Links das aggressiv wirkende Gesicht von Carrie Brownstein, in der Mitte das riesige Kullerauge von Corin Tucker und rechts ein entschlossener Blick von Janet Weiss. Sleater-Kinney sind zurück, und mit dem Cover für ihr neues Album »The Center Won’t Hold« schließen sie an jene Alben­cover aus den Neunzigern an, auf denen das Trio bereits abgebildet war.

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Nur sind es in diesem Fall weder drei quietschig bunte Portraits wie auf »Dig Me Out« (dessen Cover übrigens ein ziemlich genaues Replikat des 1965er-Covers der LP »The Kink Kontroversy« von den Kinks war), noch rufen sie gemeinsam ein Taxi, wie es auf dem Cover von »The Hot Rock« der Fall war. Das Foto auf »The Center Won’t Hold« zeigt nur Aus- und Anschnitte: eine fragmentierte Band.

Fragmentiert im wahrsten Sinne des Wortes: Das schwarzweiße Platten­cover, das die Gesichter von Brownstein, Tucker und Weiss wie in einer Collage zusammenmontiert zeigt, gibt eine Einigkeit der Band vor, die gar nicht mehr existiert. Denn Schlagzeugerin Janet Weiss hatte schon Anfang Juli bekanntgegeben – da war das Album noch gar nicht erschienen –, die Gruppe zu verlassen.

Neues Label, neue Band

»Die Band geht in eine neue Richtung und es ist Zeit für mich, mich weiterzubewegen«, so liest sich Weiss’ Statement auf Twitter, das mit dem Zusatz und der Erinnerung »The Drummer« unterzeichnet ist. Die Lücke, die sie hinterlässt, ist riesig, denn Weiss war ohne Zweifel diejenige, die seit dem Klassiker der Band, »Dig Me Out« von 1997, den Sound der Band mit ihren fulminant klingenden Drums maßgeblich prägte.

Selbst auf den Pressebildern fehlt Janet Weiss schon: Corin Tucker …

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Sie gilt als eine der besten Schlagzeugerinnen der Welt, spielte unter anderem auch in Steven Malkmus’ Band The Jicks und wird wohl nicht lange ohne Anstellung bleiben. Dafür wird dem Rest von Sleater-Kinney eine Schlagzeugerin fehlen, die wohl nicht so fix zu ersetzen sein wird: Bereits in den ersten drei Jahren ihrer Existenz, noch ohne Janet Weiss, verschliss die Band gleich drei andere Schlagzeugerinnen. Und die Zeit drängt, denn Weiss hat ebenfalls angekündigt, nicht mit auf Tour zu gehen.

… und Carrie Brownstein.

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Und als wäre das nicht schon genug an Veränderung, wechselten Slea­ter-Kinney für dieses Album sogar das Label: Bis dato beim traditionsreichen Label Sub Pop unter Vertrag, wechselten sie für die neue Platte zu Mom + Pop, dessen Programm trotz ebenfalls im Namen vorkommenden Pop mit dem von Sub Pop nur wenig gemein hat. Als Fan, das muss man sich selbstkritisch eingestehen, mag man es gar nicht, wenn sich die geliebte Band zu sehr verändert. Eine neue Drummerin? Okay, kann man verkraften. Ein neues Label? Mhm, geht in Ordnung. Aber, dabei ist es nicht geblieben: Das neue Album von Slea­ter-­Kinney hat, um es drastisch zu sagen, mit der Band, wie man sie kennt, nichts mehr zu tun.

Parodie einer Rockband

Dabei versuchen sie, wenigstens partiell noch ein wenig so wie sie selbst zu klingen. Beim titelgebenden Eröffnungstrack etwa, der von wuch­tigen Industrialsounds dominiert wird, sind Drum Machine und Synthesizer zum ersten Mal in der Bandgeschichte in Gebrauch (sieht man mal von marginalem Einsatz der Synthies auf »One Beat« ab), Schlagzeugspiel setzt erst nach einer Minute zaghaft ein. Irgendwie kennt man das schon, nämlich von Björk und von PJ Harvey, die solchen Sounds allerdings vor mittlerweile über 20 Jahren in ihrer Musik Platz einräumten (allerdings ohne dabei ihren signature sound zu verlieren).

»›The Center Won’t Hold‹ lässt dich in eine katas­trophische Welt fallen«, lässt Corin Tucker in der Pressemitteilung wissen und verweist auf die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Nach einem kurzen Break am Ende des Lieds ist es aber vorbei mit der Katastrophe, in diesem Fall nicht mit der Präsidentschaft Trumps, sondern mit der experimentell gemeinten Musik von Sleater-Kinney. Kurze Pause, und plötzlich ertönt ein Rockgewitter, eines von der Sorte »sauberer Krach«, was es auch nicht besser macht. »Es ist, als würde die Band am Ende ihren Weg herausfinden, indem sie eine Rockband wird«, so Tucker weiter, doch irgendwie will man ihr das nicht ganz glauben, denn der Rest des Albums und auch schon dieser kleine Versuch am Ende des Eröffnungsstücks klingen eher wie eine Parodie auf eine Rockband – und eben nicht nach Sleater-Kinney.

Sonja Eismann hat in ihrer Besprechung der 2015 erschienenen Platte von Sleater-Kinney, »No Cities to Love«, geschrieben, die Band spiele »dekonstruktiven Rock«. Damit hatte sie Sleater-Kinney abgegrenzt gegen einen ihrer größten Bewunderer, den Musikkritiker Greil Marcus, der sie als beste Rockband Amerikas bezeichnet hatte.

Destruktion von Rock

Obwohl man sich darüber unterhalten kann, dass die Musik von Sleater-Kinney nicht unbedingt traditionellen Songstrukturen folgt, ist die Charakterisierung als »dekonstruktiver Rock« hier doch mehr als Gegenentwurf zu dem gemeint, was man sich wohl als Machomusik vorstellen muss, von Typen, die dämlich auf ihre Gitarren eindreschen. Müssen Sleater-Kinney aber davor beschützt werden, mit denen in einen Topf geworfen zu werden? Nein. Denn Sleater-Kinney waren keine Antithese zu (männlichem) Rock, sondern seine Erfüllung in den Neunzigern.

Kaum eine Band hat sich im Laufe der Zeit mit Hilfe von Gitarren einen so eigenständigen Sound erspielt. 1996 sangen sie gar »I wanna be your Joey Ramone«, was nun nicht für Ablehnung (oder eben Dekonstruktion), sondern für Ehrerbietung spricht. Eismanns Charakterisierung scheint erst jetzt mit »The Center Won’t Hold« Realität geworden zu sein, und zwar auf gründlich misslungene Art und Weise. Vielleicht sollte man statt von Dekonstruktion lieber von Destruktion von Rock sprechen. Was man zu hören bekommt, ist eine Band, die gradezu rabiat mit ihrer eigenen Diskographie bricht, und mit ihrem bevorzugtem Instrument noch dazu: der Gitarre.

Die New York Times überschrieb ein langes Interview zum neuen Album mit Brownstein und Tucker mit »Slea­ter-Kinney haben St. Vincent um einen kreativen Funken gebeten. Das Trio explodierte.« Die Popmusikerin Annie Clark alias St. Vincent produzierte das Album. Die Zusammenarbeit klingt allerdings mehr nach einer Zurichtung als nach sprühenden Funken. Das Demo, das die Band ins Studio brachte, wurde von Clark vollkommen auseinandergenommen. »Ändert die Tonlage. Und die Texte«, mit diesen Aufforderungen wird sie zitiert.

Zur Folge hatten diese Änderungen, dass aus der einstigen Rockmusik von Sleater-Kinney pseudo-avantgardistische Popmusik geworden ist, kaum zu unterscheiden von der ihrer Produzentin. Da verwundert es beim Hören nicht mehr, dass in allen Ankündigungen und Interviews besonders stark betont wurde, dass St. Vincent die Produzentin sei. Denn streng genommen ist »The Center Won’t Hold« kein neues Sleater-Kinney-Album, sondern eine Neuver­öffentlichung von St. Vincent. Corin Tucker, eigentlich geliebt für ihre röhrende Stimme, klingt dank perfekter Abmischung nun wie die britische Ohrwurmkönigin Adele.

Wenig Erfreuliches

Und die Texte von Carrie Brownstein, in denen sich oft ziemlich brachial-brutale und deswegen so wunderschöne Stellen über platzende, aufgerissene, verzehrte Körper finden, hatte die Produzentin kritisch beäugt. Im Song »Love« singt Brownstein von einem »well-worn body«, der New York Times erzählte sie, dass »Annie das nicht wollte«, die daraufhin, ebenfalls Gesprächspartnerin für den Artikel, ausführt: »Ich dachte, abgetragene Körper? Was?« Zum Glück haben es auch andere Textstellen von Brownstein doch noch auf das Album geschafft, beispielsweise der von ihr gesungene Wunsch an ihre Geliebte, sie »von ihren Knochen zu trennen«. »Hurry on Home«, das dazugehörige Lied, ist der einzig erfreuliche Song auf dieser Platte.

Dass Weiss die Band verlassen hat, verwundert nach elf Songs nicht mehr – sie hatte als Drummerin einfach nichts zu tun. Für die Pressemitteilung erzählte sie ganz nett: »Ich glaube, für Carrie und Corin war es befreiend, eine andere Soundpalette zu entdecken. Annie hat viel Erfahrung damit, ihre eigene Musik mit Synthesizern und Keyboards zu machen, also konnte sie unser Wegweiser sein, uns in dieser neuen musikalischen Landschaft zurechtzufinden und dabei immer noch so zu klingen, als würden wir Musik von Sleater-Kinney spielen, aber dennoch die Freiheit zu haben, nicht die ganze Zeit auf der Gitarre zu spielen.«

Doch wenn Sleater-Kinney auf Gitarren verzichten, dann können sie nicht mehr nach Sleater-Kinney klingen. Ganz nebenbei: Dass immer wieder evoziert wird, der Einsatz von Synthesizern oder Keyboards sei etwas Neues, etwas Innovatives, etwas nie Dagewesenes, ist, mit Verlaub, Unsinn. Für die Band Sleater-Kinney mag es etwas Neues sein, für den Hörer nicht. Und so bleibt nur, das neue Album mit einem alten Titel der Band zu beschreiben: »You’re No Rock ’n’ Roll Fun« – any more.

Sleater-Kinney: The Center Won’t Hold (Mom + Pop)