Imprint - Geschichte und Methode des Sozialistischen Büros

Das etwas andere Büro

Vor 50 Jahren wurde eine linke Institution gegründet: Im Sozialistischen Büro (SB) organisierte sich die undogmatische Linke, die sich weder in der Parteiarbeit noch in spontaneistischen Aktionen verzetteln wollte. Mit der Arbeitsfeldstrategie sollte der Gegensatz zwischen dem »linken Bewusstsein« und dem »rechten Sein« angepasster beruflicher Tätigkeit überwunden werden. Aus »Berufsrevolutionären« sollten »Revolutionäre im Beruf« werden.

Auf der zentralen Arbeitstagung des Sozialistischen Büros am 14. und 15. Oktober 1972 referiert der Sozialphilosoph Oskar Negt vor 200 faszinierten Zuhörern zur Organisationsfrage. »Eine Art Zwölftonmusik der politischen Organisation« sei das gewesen, urteilte der Sozialwissenschaftler Rolf Schwendter später. Noch im Dezember des gleichen Jahres ­erscheint der Vortrag überarbeitet in der Links, dem Debattenorgan des Sozialistischen Büros, unter dem später weithin berühmt gewordenen ­Titel »Nicht nach Köpfen, sondern nach Interessen organisieren!« 1975 veröffentlicht Negt mit »Erfahrung, Emanzipation und Organisation« ­einen weiteren Beitrag zur »organisatorischen Weiterentwicklung des SB«, der die ersten Darlegungen ergänzen und konkretisieren soll. Diese beiden Aufsätze bilden bis heute die theoretische Grundlage für den »Arbeitsfeldansatz« des Sozialistischen Büros.

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Die Organisierung der Mitglieder des Sozialistischen Büros nach deren Berufs- und Tätigkeitsfeldern sollte es ermöglichen, in jenen Massen revolutionäre Selbsttätigkeit zu entfalten, mit denen sie die spezifischen ­Erfahrungen und Interessen des jeweiligen Arbeitsfeldes teilten. Beispielhaft für das Selbstverständnis des Sozialistischen Büros schreiben Reinhard Laux und Suso Lederle: »Das Spezielle im Erleben einzelner Per­sonen und Arbeitszusammenhänge ist aufgrund des Gesetzes der Totalität ein wie auch immer verzerrtes Abbild des Allgemeinen, einer sich sowohl widersprüchlich als auch ­historisch in Sprüngen entwickelnden Gesellschaft.« Der Arbeitsfeldansatz stelle darum »den ursächlichen Zusammenhang gesellschaftlicher ­Organisation auf den Kopf, die individuelle Erfahrbarkeit davon jedoch auf die Füße«.

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