Streetball wird olympisch

Wampen treffen Kanten

Seite 2 – Die Straße spielt Fußball

In Deutschland ist Streetball seit jeher mehr Rucker als Park, mehr Sozialpädagogik als Ghettosport. Für den Traum vom Aufstieg zum Basketballstar scheint er hierzulande nicht zu taugen. In Deutschland spielt die Straße Fußball. Darum will zum Beispiel die »Ballers Community Berlin«, ein Netzwerk aus Berliner Vereinen, erst einmal dem Freizeitbasketball auf die Beine helfen, ohne gleich den nächsten Dennis Schröder hervorzubringen. Ein Ergebnis ist das maßgeblich vom Hauptstadtclub Alba Berlin unterstützte Open Gym im Hangar 1 des Flughafens Tempelhof – ein Programm, das sich sowohl an Flüchtlinge als auch Einheimische wendet. Ein anderes Resultat ist das 2018 mit einem »Shut up and play«-Turnier eröffnete Prestigeprojekt am Jahnsportpark, das in der Streetball-Szene auch kritisiert wurde, weil sich Alba dort als Platzhirsch ­aufspielte und die Sanierung bereits bestehender Freiplätze, die nicht von ambitionierten Jugendspielern frequentiert werden, auf die Dauer sinnvoller gewesen wäre.

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In den Medien und der wissenschaftlichen Literatur vor allem als jugendkulturelles Phänomen behandelt, bringt der real existierende Streetball in Deutschland Junge und Erfahrene zusammen – um es euphemistisch auszudrücken. Böse formuliert: Wampen treffen auf Kanten. 

Oft muss zur Verständigung Englisch gesprochen werden. Man verabredet sich in Whatsapp-Gruppen oder schaut spontan auf dem Platz vorbei. Angesichts der hohen Intensität, die die Spiele auch ohne Wurf­uhr annehmen, erscheint nicht nur die von Ahnungslosen notorisch kolportierte Körperlosigkeit zweifelhaft, sondern auch der heilige Unernst, den die Spieler selbst vorgeben – relativiert durch ausgedehnte Zigarettenpausen sowie das Hintergrundrauschen aus Rapmusik und Trash­talk. Da Leistungen auf dem Freiplatz nicht in Statistiken abgebildet werden, lebt die durchaus ironisch gemeinte Angeberei hier von der mündlichen Überlieferung und dem letzten Move. Die Spieler steuern sich selbst durch ungeschriebene Gesetze, Fairplay-Gedanken und kollaborative Aushandlungsprozesse. Fouls werden meist vom Gefoulten angesagt, die Teams durch Würfe von der Freiwurflinie zusammengestellt.

Adidas veranstaltete 1992 das erste Streetball-Turnier in Deutschland. Das Event auf dem Berliner Marx-Engels-Platz, der mittlerweile Schlossplatz heißt, stieß auf derart große Resonanz, dass es zu einer Tour durch ganz Deutschland erweitert wurde. Auf dem Höhepunkt der »Adidas Streetball Challenge« 1995 nahmen insgesamt etwa 50.000 Spieler teil. Zögerte Adidas in den achtziger Jahren noch, die Rapper der US-amerikanischen HipHop-Band Run DMC (»My Adidas«) zu Markenbotschaftern zu machen, inszenierte man den Streetball nun ganz bewusst als einen Karneval der Marginalisierten – ein »Spektakel für gelangweilte Mittelschichtkinder« und »eine PR-Nummer, die die angeschlagene Firma retten sollte«, wie Christian Fuchs im Spiegel schrieb. Während der Konzern seine ikonische Streetball-Kollektion wie geschnitten Brot verkaufte und in Sachen Coolness zu Nike und Reebok aufschloss, erwies er der Szene einen Bärendienst. Sogar der damalige Pressesprecher der »Adidas Streetball Challenge« räumte im Spiegel ein, dass »Adidas mehr von der Partnerschaft profitiert hat als der Streetball«.