Porträt - Chaim Shilo

Der Kibbuznik

Der Kibbuznik Chaim Shilo ist ein lebendes Geschichtsbuch.

Chaim Shilo ist ein kleiner, drahtiger Mann, der gerne mit dem Fahrrad fährt. Seine 94 Lebensjahre sieht man dem Kibbuznik aus Nirim nicht an, er wirkt gut 30 Jahre jünger. Geboren wurde er 1925 in Leipzig als Sohn eines Arztes. Die jüdische Familie entkam der Verfolgung durch die Nazis vor allem dank der Mutter. Sie hatte darauf gedrängt, Deutschland zu verlassen. 1936 emigrierte die Familie nach Palästina und ließ sich in Tel Aviv nieder, wo Shilo das Gymnasium abschloss.

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1946 war er dabei, als die Jewish Agency innerhalb einer Nacht am Ende von Yom Kippur im Oktober 1946 elf Kibbuzim auf einmal gründete. »Wir wussten, dass die Engländer betrunken sein würden«, erzählt Shilo grinsend und mit einem leichten sächsischen Einschlag. So gelang es den Siedlern, schnell genug feste Häuser mit einem Dach zu errichten, die gemäß den Gesetzen der britischen Mandatsmacht nicht mehr abgerissen werden durften. Einer der elf neuen Kibbuzim war Nirim, das seinen strategischen Wert im israelischen Unabhängigkeitskrieg 1948/1949 bewies, als die ägyptische Armee genau dort aufgehalten werden konnte. Nach dem Krieg wurde die komplett zerstörte Siedlung 15 Kilometer weiter nördlich wiederaufgebaut, anderthalb Kilometer von der Grenze zum Gaza-Streifen entfernt.

Immer wieder wurde der Kibbuz, als dessen Sekretär Shilo eine Zeitlang fungierte, angegriffen. »Wir hoffen, dass hier irgendwann mal Frieden einkehrt«, so Shilo. 2014 töteten palästinensische Angreifer zwei Menschen mit einem Geschoss, das mitten im Zentrum von Nirim einschlug. Dennoch ist der Ort noch immer eine Hochburg der stetig schrumpfenden israelischen Linken. Als der heutige Kibbuzsekretär Yossi Kremer in den neunziger Jahren in die Kollektivsiedlung kam, sei »Stalin dort noch am Leben gewesen«, wie Kremer mit einem Augenzwinkern erzählt. Anfang der fünfziger Jahre waren sogar sogenannte Linksabweichler aus dem Kibbuz ausgeschlossen worden. Heutzutage hat Nirim etwa 360 Einwohner, knapp ein Viertel sind Rentner – wie Chaim Shilo, der mit seinen deutschen Sprachkenntnissen noch immer Shoah-Überlebende dabei unterstützt, Entschädigungsansprüche durchzusetzen.

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