Die Band Chastity Belt ist sehr erwachsen

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Also nahm sich die Band im vergangenen Jahr eine längere Pause, ging auseinander, ohne genau zu wissen, was danach passieren würde. »Wir haben so lange gemacht, was von uns erwartet wurde. Es hat ein wenig gedauert, bis uns aufgefallen ist, dass es uns nicht mehr so viel Spaß gemacht hat, dass wir es nicht mehr aus den richtig Gründen tun. Wir haben ein bisschen den Bezug dazu verloren, warum wir ursprünglich mal Musik gemacht haben«, sagt Shapiro. »Chas­tity Belt hat sich wie eine Maschine angefühlt. Die Indus­trie ist hart. Es gibt Menschen, die für uns arbeiten, für die wir auch Verantwortung tragen. Aber wir mussten lernen, die Sache wieder weniger ernst zu nehmen. Wie am Anfang, als nicht absehbar war, was sich aus der Band entwickeln würde.«

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Shapiro selbst musste sich einer lange geplanten Operation unterziehen – nutzte die Zeit aber auch, ein Soloalbum zu veröffentlichen. Auf »Perfect Version«, das im Juni erschien, beschäftigte sie sich mit der Absurdität des Spätkapitalismus sowie mit der Zerstörungskraft der Selbstliebe. Sich um sich selbst zu kümmern, kann anstrengend sein, wenn dazu gehört, Musik zu machen, also bedeutet Selbstliebe für Shapiro auch, noch einmal ein bisschen tiefer einzusteigen in die harte Industrie – kein richtiges Leben im falschen, denn: »Das ist doch genau, was ich mag: das Aufnehmen und das Schreiben!«

Auch die Band fand bereits nach kurzer Zeit wieder zusammen, um gemeinsam aufzunehmen – der vermutlich kürzeste indefinite hiatus der jüngeren Popgeschichte. Eigentlich musste nicht einmal darüber geredet werden, ob Chastity Belt wieder existieren. »Die Dynamik ist die gleiche, aber wir wollen jetzt mehr darauf achten, dass alle sich wohl fühlen. Wir müssen nichts tun, was wir nicht tun wollen. Aber was wir am liebsten tun, ist trotzdem, zusammen Musik zu machen«.

Die Musik hat sich allerdings nicht erst durch die Pause gewandelt, sondern bereits vorher, auf dem dritten Album, »I Used to Spend So Much Time Alone«, das 2017 erschien. Damals wie heute ist der Sound getragen, aber dennoch drängend. Er hat an Tiefe gewonnen – und das meint nicht das Niveau, sondern tatsächlich den Klang, die Arrangements, die Produktion.

Bis zum neuen Album habe man sich beim Aufnehmen eher gehetzt, erzählt Shapiro, diesmal fühlten die vier sich aber im Studio wohl und ließen sich Zeit. »Chastity Belt« umgibt das Flair von DIY-Indie der Neunziger und Emocore, aber Cello, Trompete und Piano geben wichtige Texturen zu den verzerrten Akkorden, die immer wieder zäh kleben wie der Teer der Straßen der Roadtrips aus Teenagerzeiten. Da ist aber auch die helle Stimme von ­Shapiro, die trotz des Gewichts der Musik zu schweben scheint.

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