Extinction Rebellion

Hier sitze ich, ich kann nicht anders

Extinction Rebellion ist ungefähr so rebellisch wie ein evangelischer Kirchentag. Die Aktivisten kämpfen nicht für Klimapolitik, sondern setzen sich selbst in Szene.

Aus vielen guten Gründen gibt es kein allgemeines Reglement für Protestbewegungen. Das wäre autoritär, und man hätte sich als junger Mensch ja selbst an keines gehalten. Manchmal wünscht man sich aber doch, es gäbe so etwas wie die zehn Gebote für Protestierende. »Du sollst das apokalyptische Raunen den religiösen Spinnern überlassen« wäre eines. Und wichtiger noch: »Du sollst die Aktionsform nicht über den politischen Inhalt stellen.« Das ist in früheren Jahrzehnten bei militanten Straßenprotesten häufig geschehen. »Latschdemos« fanden viele radikale Linke spießig, die Bereitschaft, sich auch mal mit Polizisten herumzuschlagen, galt als ultimativer Beweis politischer Ernsthaftigkeit. Die Frage, ob Glasbruch tatsächlich einen Beitrag zur Durchsetzung eines Anliegens leistete, war eher zweitrangig.

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Immerhin hätte man damals etwas mehr bieten müssen als zivilen Ungehorsam, um aufzufallen. In unserer Zeit der stromlinienförmigen Anpassung hingegen gelten Sitzblockaden schon als radikal – und damit auch die Organisation Extinction Rebellion (XR), denn deren Mitglieder und Anhänger setzen sich gerne auf Straßen. Politische Inhalte spielen bei dieser Bewertung keine Rolle. Das allerdings ist weder Bosheit noch Versagen der Medien, denn bei XR gibt es keine Inhalte. Die Organisation formuliert keine konkreten Forderungen, die Blockaden sollen vielmehr Bevölkerung und Politiker bewegen, mehr gegen den Klimawandel zu tun. Worin dieses Mehr bestehen soll, wird nicht verraten:

»XR hat die strategische Entscheidung getroffen, keine konkreten Vorschläge zu unterbreiten, wie die Klima- und Umweltkrise zu lösen ist. Es gibt seit Jahrzehnten genügend Lösungen und Ansätze, wie den allgegenwärtigen Krisen begegnet werden kann.« Dann, so möchte man meinen, kann es doch nicht so schwer sein, sich für einige davon zu entscheiden. Soll freiwilliger oder durch Preiserhöhungen erzwungener Konsumverzicht die Emissionen senken? Gedenkt man, sich mit der kapitalistischen Produktionsweise zu befassen?

Es ist sinnvoller, die Emissionen an der Quelle zu unterbinden, als auf die Wirkung indirekter Maßnahmen zu hoffen, zumal die Zeit drängt. Aber darüber könnte man ja streiten. Es ist keine Schande, noch nicht zu wissen, welche Lösung man für die richtige hält. Wer Politik­abstinenz jedoch zum Dogma erhebt, weigert sich, etwas dazuzulernen und in Erfahrung zu bringen, welche Maßnahmen tatsächlich wirksam sind. Das aber sollte eigentlich von Bedeutung sein. Doch XR ist es offenbar wichtiger, auf der richtigen Seite zu stehen und dies aller Welt zu zeigen. In der Bereitschaft, sich den – in westlichen Staaten im Übrigen nicht allzu großen – Risiken einer Sitzblockade aus­zusetzen, konstituiert sich eine denkfaule Avantgarde, die nicht weiß, wo sie hin will. Die vermeintliche ­Rebellion ist ein mobiler Kirchentag zur moralischen Selbstbeweihräucherung und Gruppentherapie.

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