Die Sauna im norwegischen Krimi

Vor Nackten wird gewarnt

Die Sauna ist ein beliebter Schauplatz in der norwegischen Kriminalliteratur.

Norwegen, das endlos langgestreckte Land diesseits und jenseits des Polarkreises, ist Gastland der Frankfurter Buchmesse und somit gewaltig präsent. Reisen nach Norwegen werden angepriesen, die norwegische Küche wird vorgestellt, sogar norwegische Literatur wird erwähnt. Aber was für Leute wohnen eigentlich in Norwegen? Darüber erfährt man weniger. Reiseberichte und spontane Umfragen im Bekanntenkreis ergeben folgendes Bild: Die Menschen in Norwegen sind freundlich, progressiv, immer guter Laune und total besoffen, sobald sie in ein Land kommen, wo Alkohol zu erschwinglichen Preisen zu haben ist. Fragt man umgekehrt, was in Norwegen für ein Deutschenbild herrscht, hört man: Die Deutschen sind freundlich, höflich, gebildet und wollen überall und jederzeit nackt baden. Man sieht: Die Gegenüberstellung der Vorurteile kann sehr lehrreich sein, bringt aber nicht unbedingt weiter, wenn man etwas über das andere Land wissen möchte. Dass Deutsche dauernd nackt baden wollen, weisen die meisten bestimmt entschieden von sich. Aber das Gerücht erklärt sich dadurch, dass die FKK-Bewegung in Norwegen vergleichsweise mickrig ist und man Strände, wo Nacktbaden erlaubt ist, mit der Lupe suchen muss. In Norwegens Saunen wird geschlechtergetrennt geschwitzt – großes Staunen ist die Folge, wenn man mit norwegischen Bekannten eine deutsche Hotelsauna besucht und alle im selben Raum sitzen, ohne dass es zu furchtbaren Orgien kommt. Die Orgien in der Sauna sind nämlich ein beliebtes Motiv in norwegischen Romanen. Für dieses Phänomen gibt es ein schlichtes norwegisches Wort: »Fellessauna«. Fällt das ma­gische Wort in einem Roman, wissen alle: Jetzt folgen Sex und Ehebruch und Trennung und Dramen über mindestens 500 Seiten.

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In Wirklichkeit passiert auch in der Fellessauna nicht viel mehr, als dass alle auf den Brettern sitzen und schwitzen, aber das Motiv hält sich tapfer in der norwegischen Literatur. Wie auch die ungeheuer witzige Szene, wenn die Romanfiguren schwimmen gehen wollen und zufällig an einen der wenigen norwegischen FKK-Strände geraten. Und sich nicht mit höflichem Gruß zurückziehen, nein, es folgen dramatische Szenen, denn die Kinder nehmen doch Schaden und die Eltern wollen nicht mit solcher Schweinerei konfrontiert werden. Allerdings werden solche Romanszenen hierzulande meist ignoriert, das Feuilleton konzentriert sich auf anderes. Kurzum, Norwegen und Deutschland scheinen sehr weit auseinander zu liegen. Andererseits ist so ungefähr das höchste Lob, das man in Norwegen hören kann: »Noe så unorsk!« (So was von unnorwegisch!), und das vernichtendste Urteil: »Typisk norsk!« (Typisch norwegisch!), woran man sehen kann, dass die Unterschiede doch eher klein sind.

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