Literaturnobelpreis für Peter Handke

Pilze und Preise

Der Literaturnobelpreis wird bekanntlich nicht mehr für Literatur, sondern für politisch korrekte Sprechblasen verliehen. Umso erstaunlicher, dass ihn dieses Jahr ein Mensch erhält, der tatsächlich schreiben kann.
Kolumne Von

Während der Georg-Büchner-Preis eines Stabs von Selbstreflexionsbeamten bedarf, um sich vor einem Fachpublikum zu rechtfertigen, weiß beim Literaturnobelpreis jeder, dass er mit Literatur so viel zu tun hat wie der Friedensnobelpreis mit Kant. Das gibt denen, die ihn verleihen, eine gewisse Narrenfreiheit. Solange nur regelmäßig Sprachrohre der jeweils angesagten Zivilgesellschaft auf der Liste stehen, darf intermittierend auch jemand ausgezeichnet werden, der schreiben kann. Manche der frühen Entscheidungen dürften ihren Vertretern heutzutage politisch aufstoßen: Rudyard Kipling (Preisträger 1907) verdankte seinen geschliffenen Stil Sklaverei und Kinderarbeit, Gerhart Hauptmann (1912) und Knut Hamsun (1920) waren Protofaschisten, obwohl sie das, als sie den Preis bekamen, noch nicht wissen konnten, und Thomas Mann (1929) verzeiht man trotz seines Engagements gegen den Nationalsozialismus die »Betrachtungen eines Unpolitischen« nicht. Wer einmal etwas Böses geschrieben hat, ist nämlich für immer böse und darf im Sandkasten der Weltfriedensgemeinschaft höchstens in der Ecke spielen. Von allen geliebt wird da­gegen Romain Rolland (1915), dessen humanistische Sprechblasensammlung zwar keiner mehr liest, der aber mit seinem Friedenspathos und seiner Selbsterhebung zum poetischen Weltstaatssekretär Maßstäbe für spätere Preisvergaben setzte.

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Nach einer Pause zwischen 1940 und 1944, in der kein Preis verliehen wurde, zeichnete das Komitee mit Hermann Hesse (1946) und André Gide (1947) zwei verlässliche Langweiler in der Rolland-Tradition aus – allerdings nur, um dem Publikum mit T. S. Eliot (1948) und William Faulkner (1949) zwei ästhetisch wie politisch schwer verdauliche Kunstbrocken reinzuwürgen. Bis in die Achtziger erhielten den Preis immer wieder Leute, denen er gebührte: Albert Camus (1957) und Saint-John Perse (1960), Eugenio Montale (1975) und Isaac B. Singer (1978), Elias Canetti (1981) und Claude Simon (1985). Es kam auch zu produktiven Unfällen: Jean-Paul Sartre, der den Preis 1964 ablehnte, um sich nicht korrumpieren zu lassen, hatte ihn wirklich nicht so recht verdient; mit Nelly Sachs, die ihn 1966 erhielt, weil sie als Inkarnation deutsch-jüdischer Versöhnung erschien, traf man aus falschen Gründen eine richtige Wahl; und dass ihn 1969 Samuel Beckett zugesprochen bekam, war so unglaubwürdig, dass eine Infamie dahinter vermutet werden musste – weshalb Becketts Frau die Entscheidung mit dem Satz »Wir sind erledigt« quittierte.

Zur Parade geschwätziger Ideologieproduzenten wurde die Preisverleihung erst in den Neunzigern, als beginnend mit Nadine Gordimer (1991) die jeweils beliebtesten Literaten der Uno-Vollversammlung prämiert wurden, bis das reihenweise Auflaufen von Dario Fo (1997), José Saramago (1998) und Günter Grass (1999) das Publikum so destabilisiert hatte, dass man entschied, der selbstgesetzten Regel untreu zu werden und wieder richtige Schriftsteller wie Imre Kertész (2002) und Elfriede Jelinek (2004) auszuzeichnen – wobei Letztere seither erkennbar unter den Folgeschäden des Preises leidet. Dass nun Peter Handke die Auszeichnung erhalten hat, kann ebenfalls als Unterbrechung der Regel verbucht werden, schon deshalb, weil allen, die sich heimlich Robert Habeck als Preisträger gewünscht hatten, nun wieder einfällt, wie uneuropäisch und ergo menschenfeindlich Handke sich zum Jugoslawien-Krieg geäußert hat. Doch man muss gar nicht seine politische Meinung teilen, um in ihm einen würdigen Preisträger zu sehen. Es genügt zu wissen, dass alle ihn auslachen, weil er Pilze sammelt.