Der Spaziergänger zählt nichts mehr

Der Flaneur als Auslaufmodell

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Dass es sich bei den meisten Nutzern von Fahrrädern und E-Rollern nicht um flauschige Slow-Traffic-Hippies handelt, sondern um verrohte Angehörige einer Gesellschaftsschicht, die sich durch eine toxische Mischung aus ökonomischer Wohl­situiertheit und moralischer Hybris auszeichnet, wird an ihrem Sozialverhalten evident. Wenn Radfahrer, weil sie so ein gemütliches Transportmittel benutzen, sich von der Pflicht zur Einhaltung der Verkehrsregeln suspendiert fühlen, ist das keine Neuigkeit. Grüne Frührentner mit Fahrradklammern und Öko-Muttis, die den Nachwuchs samt Topfpflanzen auf ihrem Anhänger transportieren, waren schon immer eine Gefahr für den Straßenverkehr. Neu hingegen ist ein anderer, fast immer männlicher Typus des Radlers, der sich als Mischung aus Buddhist und Kamikaze-Fahrer beschreiben lässt.

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Er dünkt sich zu souverän und zu cool, um den Lenker zu benutzen, und lässt stattdessen während der Fahrt die Arme lässig herunterbaumeln, verschränkt sie trotzig vor der Brust oder ganz besonders keck hinter dem Kopf, und schaut auf die weiterhin brav lenkenden Radfahrer der Umgebung wie auf lästige Insekten herab. Gerät ihm mal die Krücke ­einer Oma oder die Leine eines Hundes zwischen die Speichen, hat er nur Verachtung für solch aufdringliches Geschmeiß übrig; legt er am unerwartet hohen Bordstein eine doppelte Rolle vorwärts hin, schimpft er auf die Stadtverwaltung. Nicht jugendlicher Übermut oder kindliche Experimentierfreude treiben ihn an, sondern die Om-Om-Weisheit desjenigen, der sich qua moralischer Vollkommenheit für physisch un­antastbar hält. Wenn Jesus über das Wasser gehen konnte, ohne zu ertrinken, kann Torben auch die Kreuzung überqueren, ohne zu lenken: Schlägt er sich dabei ein paar Zähne aus, war es wenigstens für eine gute Sache.

Ähnlich aufrecht und stolz wie der dem Crash entgegenmeditierende Kamikaze-Radler stehen die E-Rollerfahrer auf ihren Rollern. Schließlich sind sie keine tumben Skater-Kids, sondern engagierte Mitglieder der Zivilgesellschaft, die ihre ökologisch korrekt gewaschenen Mähnen dem Wind aussetzen können, ohne sich schämen zu müssen. Ihre Roller sind darum auch keine profanen Verkehrsmittel, die man nach Benutzung an die vorgesehenen Orte stellt, sondern auratische Objekte, die wie in einer dekonstruktivistischen Installation immer genau so zu platzieren sind, dass ihr Verkehrsbehinderungspotential optimal ausgeschöpft wird. Während sich Radfahrer manchmal immer noch als demokratische Verkehrsteilnehmer fühlen und daher zumindest die Regel des Rechtsverkehrs einhalten (ein Relikt des Schulunterrichts, das bald beseitigt sein wird), sehen sich E-Rollerfahrer weniger als Nutzer eines Fahrzeugs denn als missionarische Gesandte, die im Namen einer Lebenshaltung, ja: einer Weltanschauung unterwegs sind und deshalb überall, jederzeit, in ­jedem Tempo und in jede Richtung ausschwärmen dürfen. Selbst wenn sie nach dem abendlichen Lounge-Besuch drei Promille intus haben, fühlen sie sich nüchtern, sobald sie in Tuchfühlung mit ihrem Gerät sind, und brettern in der glücklichen Gewissheit, ausschließlich klima­neutrale Todesfälle zu verursachen, als Hoppla-jetzt-komm-Ichs der besseren Zukunft über Straßenbahnschienen und Rentnerzehen.

Der Bürgersteig, schon dem Namen nach ein Anachronismus, wird angesichts dessen zum multifunk­tionalen Mobilitätsrelais. Da der öffentliche Raum kein Ort mehr ist, an dem sich Menschen um seiner selbst willen aufhalten, sondern nur noch möglichst effizient zu durchquerende Totfläche, werden die Fußgänger in ihm nur noch geduldet, ­solange sie eben dies tun: den Raum durchqueren, das heißt, ihn allein deshalb betreten, um so schnell wie möglich aus ihm zu verschwinden. Derjenige Bürger jedoch, der das Gehen tatsächlich als bürgerliche Verkehrsform praktiziert, indem er den öffentlichen Raum aufsucht, um sich darin aufzuhalten, nähert sich objektiv immer mehr dem Stadtstreicher und Pennbruder an, selbst wenn er noch nicht von Armut bedroht ist. Sein beharrlicher Aufenthalt in der Öffentlichkeit erscheint als Beleidigung der anderen Verkehrsteilnehmer, als sinnlos, störend und provozierend. Wie das Servicepersonal jungkulinarischer Lokale genervt reagiert, wenn ein Kunde auch nach dem dritten »Noch alles gut bei Ihnen?« trotz absolvierten Pflichtverzehrs auf seinem Stuhl sitzen bleibt, um zu lesen oder Menschen zu beobachten, so stehen Passanten, die in der Öffentlichkeit herumlaufen, ohne irgendwo anzukommen, im Verdacht urbanen Parasitentums. Wer die Stadt benutzt, wie sie dem eigenen Zweck nach verwendet werden will: als primären Ort, der nicht nur Mittel für etwas ­anderes ist, sondern reflektierend erfahren werden muss, der wird von den Rollerbürgern, die immer von irgendwo herkommen und irgendwo hinwollen, angesehen wie das Denkmal einer verhassten Vergangenheit. Die Stadt, die den Flaneur hervorgebracht hat, kennt ihn nur noch als Hindernis.