Die Vivian Girls sind wütender denn je

Verspielter Nihilismus

Nach zwischenzeitlicher Bandauflösung gibt es die Vivian Girls wieder – und sie sind wütender denn je.

Fünf Jahre ist es her, dass sie sich offiziell auflösten, doch nun brachte die New Yorker Band Vivian Girls frisch wiedervereint mit »Memory« im September ihr viertes Studioalbum heraus. Die zwei ständigen Mitglieder Cassie Ramone und Katy Goodman gehörten in den späten nuller Jahren zunächst zusammen mit Frankie Rose an den Drums – seit dem zweiten Album »Everything Goes Wrong« ist Ali Koehler die Schlagzeugerin der Band – zum Kern der damals florierenden Noise-Pop-Garage-Punk-Szene in Brooklyn um Bands wie die Dum Dum Girls und DIIV.

Sechziger-Jahre-Pop-Soundmuster mischen sich auf »Memory« mit äußerst wütenden Riffs.

Im Gegensatz zu dem verstrahlten Feelgood-Sound von Bands, die diesem Genre zugeordnet werden können, wie beispielsweise Best Coast (deren Lieder hauptsächlich davon handeln, dass es die Sonne, das Meer und süße Boys gibt und ja, okay, ein bisschen seltsam traurig ist man vielleicht auch, aber es gibt die Sonne, es gibt das Meer, – repeat!), wohnte bereits den früheren Alben der Vivian Girls mit ihren harmonischen, an die Band Warpaint erinnernden choralen Backroundgesängen doch eine gewisse Härte inne, die sich in einem verspielten Nihilismus immer wieder Bahn brach.

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Was sich damals lediglich erahnen ließ, nimmt nun auf »Memory« deutlich Form an. Verträumt perlen­de Sechziger-Jahre-Pop-Soundmuster wie von den Shangri-Las (unüberhörbar die Vorbilder der Vivian Girls) mischen sich mit äußerst wütenden Riffs.

Repetitiv und unnachgiebig dreschen die Frauen auf das ein, was ihrem neuen Album den Titel gibt: Erinnerung. Das klingt nach einer sanften Bezeichnung für das, was in den vergangenen acht Jahren seit dem Album »Share the Joy« geschehen ist und auf der Platte verarbeitet wird, nämlich die mitunter tiefgreifenden Veränderungen und Erfahrungen im Leben der Bandmitglieder: Der Umzug von Brooklyn nach Los Angeles, Schwangerschaft und Geburt von Kindern, sowie die häufig deprimierenden Begleiterscheinungen des Lebens: Einsamkeit, gescheiterte Beziehungen und ein, trotz der derzeit angesagten und allseits beworbenen Selbstliebe, nur schwer abzulegender Selbsthass, der insbesondere von der Sängerin Cassie Ramone unversöhnlich herausgebrüllt wird.

Vivian Girls waren zu Beginn ihrer Karriere heftigen sexistischen Anfeindungen ausgesetzt, die sich insbesondere in den Kommentarspalten des großen Indie-Blogs Brooklynvegan häuften. Hierbei wurde der klassisch misogyne Vorwurf laut, das sperrig verträumte Punk-Trio sehe zwar umwerfend aus, würde jedoch keine »richtige«, respektive professionelle Musik spielen, während im gleichen Atemzug die Bedroom-Produktionen beispielsweise eines Mike Sniper von Blank Dogs geradezu verehrt wurden.

Wie tief diese Verletzungen sitzen, hört man »Memory« an. Umso größer ist die Genugtuung, die Cassie Ramone, Katy Goodman und Ali Koehler hörbar verspüren, wenn sie ihren Schmerz und ihren Ärger in aller Heftigkeit mit einer Welle aus Punkrock und Noise-Pop vergessen machen. Somit ist »Memory« auch bei weitem kein nostalgisches und deprimiertes Reunion-Album. Denn letztlich, trotz unüberwindbar scheinender Enttäuschungen und überwältigender Erfahrungen, steht am Ende immer die Devise: The show must go on.

Vivian Girls: Memory (Polyvinyl Records)