Grüne streiten über Homöopathie

Zwist um Zuckerkugeln

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Ein Kompromiss soll nun einen Eklat auf dem Parteitag verhindern. Zu dem Antrag Unter der Überschrift »Grüne Gesundheitspolitik – mit Verantwortung und Weitblick in die Zukunft« in dem die Antragsteller vorschlugen, in das Grundsatzprogramm einen Passus aufzunehmen, demzufolge die »Erstattung nicht faktenbasierter Therapieformen und Substanzen« durch die gesetzlichen Krankenversicherungen nur möglich sein soll »in Wahltarifen, zu deren Finanzierung nicht die Gesamtheit der Versicherten herangezogen werden kann« gibt es nun einen Ergänzungsantrag. Der soll die grüne Kuh vom Eis holen. Zum übernächsten Bundesparteitag soll eine Kommission, zu der auch externe Experten gehören können, umfassende Vorschläge zur grünen Gesundheitspolitik machen. Und die sollen sich auch um das Thema Homöopathie kümmern.

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In dem Änderungsantrag ist von dem Ausgangspunkt der Debatte nicht mehr die Rede. Wissenschaft ist nur noch eine Option, die Wirksamkeit von Therapien zu überprüfen. „empirisch bewertete Erfahrungen“ eine andere. Wenn viele etwas glauben, hat das für die Grünen nun denselben Wert, wie wissenschaftlich überprüfbare Erkenntnisse. Immerhin: Der Parteitag in Bielefeld kann jetzt als die Jubelveranstaltung für die beiden Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck abgehalten werden, als die er geplant war. geplant. Unter der Führung der beiden Medienlieblinge erlebten die Grünen in den vergangenen zwei Jahren einen steilen Aufstieg: Erzielte die Partei bei der Bundestagswahl 2017 noch vergleichsweise magere 8,9 Prozent der Stimmen, liegt sie mittlerweile in allen Umfragen über 20 Prozent. Nicht die abgeschlagenen Sozialdemokraten, sondern die Grünen müssen sich mit der Frage nach einem Kanzlerkandidaten beschäftigen.

Öffentlicher Streit auf großer Bühne, das wissen die Grünen, seit sie 1990 aus dem Bundestag flogen, ist schlecht fürs Geschäft. Doch der Konflikt über die Homöopathie lässt sich höchstens verschieben, aber nicht aufhalten. Und er verläuft auch nicht entlang der traditionellen Linie zwischen dem linken und dem rechten Parteiflügel, die bei inhaltlichen Auseinandersetzungen früher wichtig war und heutzutage eher bei Personalentscheidungen bedeutend ist.

Angst vor Wissenschaft und Technik sind bei den Grünen seit ihrer Gründung weit verbreitet. Vor allem der Pharmaindustrie und der modernen Medizin stehen viele in der Partei und ihrer Wählerschaft mindestens skeptisch gegenüber. In diesem Milieu gehört es zum Lifestyle wie der Bioapfel, homöopathische Produkte zu schlucken, sich von Heilpraktikern behandeln zu lassen und Chiropraktiker aufzusuchen, wenn der Rücken zwickt. Da könnte eine offene Ablehnung von Homöopathie Stimmen kosten.

Kaum hatte die Debatte über Homöopathie bei den Grünen begonnen, wurden bereits Unterschriften gesammelt. Eine Petition auf Change.org mit dem Titel #rettedeinehomöopathie wurde innerhalb weniger Wochen über 30 000 Mal unterschrieben. Die Initiatorinnen fordern, »dass sich Bündnis 90/Die Grünen klar zu der umweltfreundlichen, antibiotikasparenden Homöopathie positioniert, deren Wirksamkeit wissenschaftlich bereits seit 2005 nachgewiesen ist«.