Stolpersteine in Ettlingen

»Dann bleibt uns nur der Verzicht«

Seit 2006 wurden in der baden-württembergischen, südlich von Karlsruhe gelegenen Stadt Ettlingen 42 Stolpersteine für Opfer des nationalsozialistischen Terrors aus der Region verlegt. Es handelte sich um Juden, Zwangsarbeiter und Opfer der »Euthanasie«-Morde. Die Jungle World sprach mit Monika Engelhardt-Behringer (ME) und Dieter Behringer (DB) vom »Ettlinger Bündnis gegen Rassismus und Neonazis«, das die Verlegung von Stolpersteinen in der 40 000-Einwohner-Stadt initiiert hat.
Interview Von

Wer hatte die Idee für die Stolpersteine in Ettlingen?
ME: Bei der örtlichen Gedenkfeier zur Pogromnacht am Mahnmal für die jüdischen Opfer aus Ettlingen im Jahr 2006 wurden wir von einem Ettlinger Bürger angesprochen, ob wir uns nicht um die Verlegung von Stolpersteinen kümmern könnten. Wir informierten uns, begannen, die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen, und stiegen in die Recherche ein. Wir suchen für die Stolpersteine Paten, die die Finanzierung übernehmen. Am liebsten sind uns Schulen. Aber wir haben auch Einzelpersonen, Vereine, soziale Organisationen, die SPD-Fraktion, den Ortschaftsrat eines Ortsteils sowie den Bürgermeister als Paten gewinnen können.

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Wie ist die Unterstützung aus der Politik?
ME: Der Ettlinger Gemeinderat fasste 2010 einstimmig den Beschluss, in unserer Gemeinde Stolpersteine verlegen zu lassen und die Verlegung zu unterstützen. So werden die Vorarbeiten zur Verlegung durch Gunter Demnig, also beispielsweise das Ausheben der Löcher im Gehweg, vom Stadtbauamt übernommen. Auch die Übernahme verschiedener Patenschaften spricht für eine gute Zusammenarbeit. Der Bürgermeister hat sich auch schon mehrfach an unserer jährlichen Putzaktion beteiligt.

Ist es schwierig, die Daten der NS-Opfer zu ermitteln?
DB: Am einfachsten ist es, wenn es schon Veröffentlichungen gibt, wie bei den jüdischen Opfern. Schwieriger ist es bei »Euthanasie«-Opfern. Da beginnen wir in den Archiven der Tötungsanstalten und suchen nach Menschen, die in Ettlingen geboren wurden oder hier ihren Wohnsitz hatten. Dann suchen wir weitere Informationen in den Archiven der Heil- und Pflegeanstalten, in denen sie vorher untergebracht waren und nach Patientenakten in den Staatsarchiven oder im Bundesarchiv in Berlin. Bei den Zwangsarbeitern versuchen wir es über die Arolsen Archives. Am Ende steht aber immer die Suche nach dem letzten Wohnsitz. Hierfür gehen wir zum Stadtarchiv. Nun kann es aber sein, dass wir alle notwendigen Informationen für die Verlegung zusammen haben, und dann ist es nicht möglich, die letzte Adresse herauszubekommen. Dann können wir natürlich keinen Stolperstein verlegen.

Wie ist der Kontakt zu den Angehörigen der NS-Opfer?
DB: In der Regel versuchen wir, über das Einwohnermeldeamt nahe Verwandte herauszufinden. Eine andere Möglichkeit ist es, Personen mit gleichem Nachnamen anzurufen oder Menschen, die heutzutage am letzten Wohnsitz leben, zu kontaktieren. Es ist uns auch schon mehrfach passiert, dass Angehörige gegen die Stolpersteinverlegung waren. Unser Eindruck war, dass man nicht wollte, dass die Familie mit »Euthanasie« in Verbindung gebracht wird. Dann bleibt uns nur der Verzicht, obwohl oft schon jede Menge Arbeit ­investiert wurde.

Interessieren sich junge Menschen für Ihre Arbeit?
ME: Engagierte Schulleiter und Lehrer geben uns immer wieder die Möglichkeit, Schüler als Paten zu gewinnen. Die Klassen beschäftigen sich mit den Schicksalen. Durch die Ausstattung aller Ettlinger Schulen mit unserer Broschüre gibt es jetzt die Möglichkeit, während des Unterrichts oder während der Arbeit in Projekten selbständig Stolpersteinrundgänge zu unternehmen. Die Broschüre kann unter ettlinger-buendnis@gmx.de bestellt werden.