Leben in Berlin

»Die Luft ist raus«

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Reportage Von

Unter Berlinerinnen und Berlinern sei es hingegen eine absolute Seltenheit, dass jemand aus freien Stücken freundlich sei. Kian verspürt inzwischen kaum noch einen Reiz, auf Berlins Straßen zu musizieren. Berlin besitze nicht jenes individuelle Flair, das man in jeder anderen europäischen Hauptstadt schon nach wenigen Stunden spüren könne. »Diese Stadt hat keinen Puls«, so das vernichtende Urteil des gesprächigen Musikers.

Das Szenecafé »Bateau Ivre« am Kreuzberger Heinrichplatz.

Bild:
Oliver Feldhaus
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Der fehlende Puls dürfte noch ein kleineres Problem der Stadt sein. Ein größeres verrät das Berliner Register zur Erfassung rechter, rassistischer, antisemitischer, LGBTIQ-feindlicher und anderer diskriminierender Vorfälle: 1 358 rassistische und 786 antisemitische Vorfälle dokumentierte es im Jahr 2018. Darauf angesprochen rät ein freundlicher türkischstämmiger Taxifahrer am Flughafen Tegel: »Such dir eine Grup­pe, bleib bei dieser, misch dich nicht mit anderen. Oder willst du, dass man sich in deine Angelegenheiten einmischt?«

In einem kamerunischen Restaurant trifft sich eine Gruppe von Menschen aus Niger, Kamerun, Senegal und Kongo. Sie sprechen Französisch miteinander. Der Jungle World erzählen sie, wie sie in der Stadt zurechtkommen: »Wissen Sie, hier in Berlin muss man sich nicht viel um den anderen kümmern, jeder lebt allein für sich.« In ihrer Gruppe fühlten sie sich durch ihre gemeinsame afrikanische Herkunft, die französische Sprache und das Alltagsleben verbunden. Die nichtafrikanischen Nachbarn beträten hingegen niemals das Restaurant.