Happy Birthday, Rosa von Praunheim!

»Ich bin ein alter weißer Mann«

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Wenn man dich eine schwule Ikone nennt, ist das eine Rolle, die du gerne annimmst? Darf man dich zum 77. Geburtstag verehren?
 Auch früher wollte ich eigentlich kein leader sein, es ging mir einfach immer nur um die Auseinandersetzung, um Positionen, um politischen Kampf für queere Rechte. Und, nicht zu vergessen, um Aids-Aufklärung, vor allem in den Achtzigern und Neunzigern.

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Im vergangenen Jahr gab es einige Veröffentlichungen zu Aids und den schwulen Diskussionen in den achtziger und neunziger Jahren, in denen der Aktivismus und das schwule Leben geschildert wurden. Aids war für viele eine Zeit von zehn Jahren, die nicht hätten sein dürfen, ein Raub von Lebenszeit.
Safer-Sex-Aufklärung war sehr wichtig für mich. Ich machte vier Filme, schrieb Artikel und machte viele ­öffentliche Veranstaltungen. Ich bin stolz darauf, dass ich die Gefahr von HIV so wichtig nahm und vehement für den Kondomgebrauch als greif­baren und effektiven Schutz eingetreten bin. Meine damaligen Gegner nennen mich bis heute einen Moral­apostel. Sollen sie, ich denke, ich konnte vielleicht einige Leben retten. Und wenn es nur eins war, hat sich der Kampf gelohnt.

Praunheim in seinem autobiographischen Film »Pfui Rosa«, 2002.

Mit Martin Dannecker, mit dem du zuvor befreundet und politisch aktiv warst und mit dem du den Kommentar aus dem Off in »Nicht der Schwule ist pervers … « konzipiert hattest, flogen die Fetzen während der damaligen Diskussionen. In einem abgedruckten Streitgespräch wirft er dir fehlendes Denken vor, du wirfst ihm Mitschuld an den Toten vor. Wie kam es zu dieser Heftigkeit? Seid ihr Euch danach wieder begegnet – oder könnt ihr heutzutage anders darüber sprechen?
Ich liebe und verehre Martin Dannecker, obwohl wir oft unterschiedlicher Meinung sind. Wir grüßen uns freundlich, wechseln nette Worte und respektieren uns.

In den neunziger Jahren hast du große Diskussionen über »Zwangs-Outings« ausgelöst, als du Alfred Biolek und Hape ­Kerkeling öffentlich geoutet hast.
Das TV-Outing (1991 in der RTL-Sendung »Explosiv – Der heiße Stuhl«, Anm. d. Red.) war okay, wenn auch unverschämt, letztendlich ein Hilfeschrei, der vieles zum Positiven ­geändert hat. Zum Beispiel, dass der Journalismus endlich begriff, Schwule und Lesben nicht nur in problematische Kontexte zu setzen, sondern ihr Leben im Ganzen zu erfassen, dazu gehören eben auch schöne Seiten wie Liebe und Partnerschaft.