Linke Identitätspolitik

Auch du darfst Opfer sein

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Im Interview zeigt sich deutlich, dass es vor allem kommerzialisierte und verkitschte Vorstellungen sind, die Caro unter Romantik versteht und ablehnt. Zeichen der innigen Zuneigung und Wertschätzung für einen anderen Menschen seien für sie aber grundsätzlich möglich. Auf die Frage, wie sie darauf gekommen sei, sich als aromantisch zu definieren, antwortet sie, dass sie vor kurzem etwas dazu auf Tumblr gefunden habe. Im zweiten Video ist Sabina zu sehen, die aus einer nicht genannten Internet-Quelle stammende Testfragen beantwortet, mit denen man angeblich ­herausfinden kann, ob man aromantisch ist. Auch sie erzählt, dass sie den Begriff durch Videos im Internet entdeckt habe.

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Tumblr wurde 2009 von David Karp in den USA gegründet und war vor allem unter Teenagern beliebt. Die Blogging-Plattform verstand sich bei ihrer Gründung vor allem als »Durcheinandertagebuch«, also als Medium für Beiträge, die für Twitter zu lang und für einen klassischen Blogeintrag zu kurz und unstrukturiert waren, wie Ingo Arzt 2010 in ­einem Artikel in der Taz erläuterte. Tumblr bietet die Möglichkeit, solche kurzen Gedankenfetzen mit anderen zu teilen. Auch spontane Eindrücke wie Beiträge von anderen, externe Links und Fotos werden auf Tumblr geteilt. Ebenso war Tumblr bekannt für seine laxe Haltung ­gegenüber Pornographie, was gerade Nutzern zugute kam, die eher kleine Sparten des Segments bedienten. Seit Tumblr jedoch mehrfach den Besitzer gewechselt hat und porno­graphische Inhalte Ende 2018 aus kommerziellen Gründen verbannt wurden, ist die Plattform für viele unattraktiv geworden; manche nennen als Grund auch, dass die »Sichtbarkeit« eingeschränkt werde.

Zu seinen Hochzeiten prägte Tumblr viele Jugendliche und junge Erwachsene. Die Plattform übte besonders auf diejenigen Anziehung aus, die dort Themen wie LSBTI, psychische Erkrankungen, Gender-Fluidität, Sexualität, »Body Positivity«, Beziehungen und das Leiden an der Welt besprachen. Inspirationen erhielten einige von ihnen aus der Theorie der Intersektionalität und der Queer Theory, die dann von den Usern selbst mit Einträgen in ihrem »Durcheinandertagebuch« ­interpretiert wurden. In diesem virtuellen Safe Space wurde über alle entsprechenden adoleszenten Regungen und Erfahrungen gebloggt, was unweigerlich dazu führte, dass sich die Beteiligten allerhand neue Geschlechter sowie sexuelle und romantische Orientierungen für sich ausdachten. Dieses umfangreiche Sammelsurium von Begriffen wird mittlerweile in Wikis festgehalten, im deutschsprachigen Raum unter anderem im »Nichtbinär-Wiki« und im »Queer-Lexikon«.

In der Tumblr-Gemeinde hat sich der Begriff der »Aromantik« zuerst etabliert, er fungiert mittlerweile als Oberbegriff für weitere Kategorien beziehungsweise »Identitäten«, worauf der von Annika Spahn gebrauchte Unterstrich bereits verweist. Darunter finden sich Begriffe, wie »Cupioromantisch« oder »Lithromantisch/Akoiromantisch«. Wer cupio­romantisch ist, sehnt sich laut Definition danach, romantische Anziehung zu spüren, obgleich genau das nicht ­gelingt. Lithromantisch/akoiromantisch bedeutet, dass jemand keinen Wert auf erwiderte ­Gefühle legt, beziehungsweise die eigenen Gefühle verschwinden, sobald sie vom anderen erwidert werden. Alle erwähnten Begriffe beschreiben auch sexuelle Orientierungen, die zur Asexualität gerechnet werden. Ebenso gehört zu jedem dieser Begriffe eine eigens gestaltete Flagge.