Linke Identitätspolitik

Auch du darfst Opfer sein

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Man merkt den Begriffen ihren Entstehungsort, das »Durcheinandertagebuch«, deutlich an. Sie sind das Produkt einer losen kollaborativen Arbeit junger Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind und sich oft nach dem Erleben eines Scheiterns mit Sinnkrisen konfrontiert sehen. Im Internet finden sie sich dann zusammen und versuchen, ihrem Scheitern Sinn zu verleihen. ­Anstatt zu versuchen, mit Psychotherapie oder anderen Formen der Hilfe sich selbst und das eigene sexuelle und partnerschaftliche Verhältnis zu anderen besser zu verstehen, begeben sie sich in die Echokammern des Internet und deuten dort ihre seelischen Schwierigkeiten in obskure Begriffe um.

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Der Begriff »aromantisch« weist einen erheblichen Mangel an Kohärenz auf. Wie schon erwähnt, verstehen sich selbst als aromantisch bezeichnende Menschen vor allem kommerzialisierten Kitsch als Romantik, so auch Sabina im Video von »Auf Klo«. Sie beschreibt beispielsweise, dass sie als kleines Mädchen gerne über ihre Bilderbuchhochzeit phan­tasierte, aber neben ihr als Braut habe niemand vor dem Altar gestanden. Das sieht sie als frühen Beleg dafür, aromantisch zu sein. Sichtbar wird hier vor allem, dass sie sich extrem an Klischees orientiert. Romantik denkt sie allein von ihrer standartisierten Darstellung her. Interessanterweise weist sie aber die Möglichkeit nicht zurück, starke Anziehung zu einem Menschen verspüren zu können. »Verliebtheit« will sie dies jedoch nicht nennen. Stattdessen erwähnt Caro den Begriff »squish«, mit dem unter Asexuellen und Aromantikern starke Gefühle für eine andere Person bezeichnet werden. Dabei wird in ­ihrer Beschreibung die Nähe zum Begriff »Verliebtheit« offenkundig, was die Frage aufwirft, wieso man dann überhaupt ein eigenes Wort braucht. Auch vor romantischen Komödien schrecke sie nicht zurück, sagt Caro, schiebt aber schnell hinterher, dass sie diese nur der Belustigung wegen schaue.