Linke Identitätspolitik

Auch du darfst Opfer sein

Seite 4

»Asexualität« erweist sich als ähnlich widersprüchlich. Es heißt zwar, es gehe um fehlende oder nur geringe sexuelle Anziehung, aber trotzdem könnten Asexuelle Sex mit anderen haben, wie Annika Spahn erläutert, die einen Kinderwunsch oder das Bedürfnis nach körperlicher Nähe als mögliche Gründe anführt. Als Antonym zu »asexuell« wurde der Begriff »allosexuell« eingeführt. »Zwischen Asexualität und Allosexualität gibt es ein ganzes Spektrum von Menschen, die sich nur manchmal oder nur unter bestimmten Bedingungen, wie eine große Vertrauensbasis (»demisexuell«), zu anderen Menschen sexuell hingezogen fühlen«, führt Spahn aus. Der deutsche Ableger des US-amerikanischen Asexual Visibility and Education Network (AVEN) erklärt, dass Asexualität nicht zwangsläufig bedeute, keine Libido zu haben. Diese sei eben unterschiedlich stark ausgeprägt. Auf Tumblr führen User Definitionsversuche vollends ins Absurde, beispielsweise die Comiczeichnerin Luna Tiny, die in ihrer Comicserie »Anonymous Asexual« Asexualität erklären will. So heißt es in einem ihrer Strips, dass einige Asexuelle sehr wohl Sex genössen und daher auch Fetische haben könnten. Letztlich bleibt aber unklar, was genau ein »normales« Verlangen nach Sex mit anderen Menschen, also »Allosexualität« auszeichnet.

Anzeige

Zugleich aber behaupten einige Aktivisten, sie seien gegenüber ­»Allosexuellen« benachteiligt. So twitterte der Nutzer »Aces NRW« im September 2019, dass »Allosexualität, Alloromantik« wichtige Konzepte seien, es gehe »schlicht um die einhergehenden Privilegien, roman­tische und/oder sexuelle Anziehung zu empfinden.« Auch Annika Spahn lässt in ihrem Fachtext keinen Zweifel daran, dass Asexuelle Diskriminierungen und Gewalt ausgesetzt seien. Die Konzeption des Menschen als ­sexuelles Wesen, unterstellt Spahn, spreche Asexuellen ihren »Status als Mensch und Subjekt« ab. Auch die Konstruktion einer gesellschaftlichen Struktur namens »Allonormativität« darf nicht fehlen. Hier zeigt sich der unbedingte Wille, sich in Analogie zu Homo-und Transsexuellen eine Diskriminierung anzudichten.

Diese Art des Umgangs mit sexueller Orientierung beziehungsweise »Identität« und sozialer Ungleichheit hat die Philosophin Martha Nussbaum bereits 1999 in ihrem Essay »The Professor of Parody« vorher­gesehen, in dem sie Judith Butlers Gendertheorie kritisierte. Besonderes Augenmerk legte sie dabei auf die Entwicklungen in feministischer Theorie und Wissenschaft, die sich von der sozialen Realität entfernt hätten und sich stattdessen poststrukturalistisch geleitet und mit aufgeblähtem Jargon vor allem mit symbolischer Macht und Repräsentation beschäftigten. Nussbaum warf Butler vor, mit der Rede von allgegenwärtigen Machtstrukturen, gegen die man nichts unternehmen könne, jede Hoffnung auf aktiv gestaltbaren gesellschaftlichen Wandel zu zerstören. Stattdessen bleibe nur politischer Widerstand durch verändertes Sprechen, um die heteronormative Zweigeschlechtermatrix zu überwinden.

Nussbaum kritisierte, dass dies vor allem die Bedürfnisse der Mittelschicht bediene, deren Sorgen um die Selbstoptimierung kreisten, die aber keine handfesten Anstrengungen zur allgemeinen Verbesserung der sozialen Lage unternehmen wolle. In dieses Muster fallen heutzutage auch Asexualität und Aromantik inklusive ihrer zugehörigen Begriffsapparate. Ihre Anhänger lassen völlig außer Acht, dass sexuelles Verlangen nicht stetig gleich bleiben muss und sich Beziehungen und Wünsche im Laufe eines Lebens eben verändern. Diese Entwicklungen sind völlig normal und geradezu banal. Das Versprechen aber, dass es ausreicht, sich patriarchalen und heteronormativen Strukturen durch eine andere Benennung zu entziehen, treibt die munteren Worterfinder an. Solipsistisch wenden sie sich ganz nach innen, um in den eigenen Regungen einen vermeintlichen Beitrag zur Überwindung der Verhältnisse zu finden.

Mit Nussbaum lässt sich der Tumblr-Safe-Space als adoleszente Nabelschau deuten, die allein auf Selbstoptimierung ausgelegt und nicht geeignet ist, einen Beitrag zu einem besseren Verständnis der Verhältnisse oder gar zu einer besseren Gesellschaft zu leisten. Zur Persönlichkeitsentwicklung trägt diese Form der Selbstbeschäftigung jedoch auch nichts bei, stattdessen versacken die Beteiligten in kruden Online-­Blasen. Umso ärgerlicher ist es, dass auch offizielle Institutionen dem Wortwust der Aromantiker einen seriösen Klang verpassen.