Buch - Ein ­anständiger Mensch.

Der bodenständige Philosoph

Steen Friis, der Protagonist des Romans »Ein anständiger Mensch« von Jan Christophersen, hat sich als Verfasser philosophischer Ratgeberbücher mit Titeln wie »Anstand – Was wir wollen dürfen und müssen sollen« einen Namen gemacht. Als ­öffentlich bekannter Intellektueller pflegt er ein gutes Verhältnis zu den Medien. Wenn die richtige Haltung zum Weltgeschehen gefragt ist, wird er um seinen Kommentar gebeten. Dass er sich zum Schreiben stets in eine Kate auf einer dänischen Insel zurückzieht, gerne Hamsun zitiert und leidenschaftlicher Pilzsammler ist, rundet das Bild des bodenständigen Philosophen ab. Mit jedem Buch und jedem Honorar wird das alte Haus komfortabler.

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Man kann sich kaum entscheiden, ob man bei Friis zuerst an Robert ­Habeck oder an Harald Welzer denken soll. Auch Richard David Precht fällt einem ein. Treffend hat der 1974 geborene Autor in seinem dritten Roman den neuen Typus des pragmatischen Intellektuellen porträtiert, der Philosophie, Profession und Profit versöhnt. Zusammen mit seiner Ehefrau, seiner Lektorin und deren neuem Freund verbringt Friis ein Wochen­ende auf der Insel. Beim Pilzesuchen eröffnet seine Frau ihm, dass sie vorhat, mit dem Freund der Lektorin zu schlafen. Dass man einander alle Freiheiten lasse, habe man sich doch mal versprochen.

Der Bestsellerautor, der in seinen Büchern »Aspekte der Moderne auf ihre zugrunde liegenden ethischen Probleme hin untersucht«, hat nun selbst ein Problem. Aber bevor sich das Paar einigen kann, geschieht ein Unglück, für das sich Friis veranwortlich fühlt und das sein Selbstbild ebenso auf die Probe stellt wie die Beziehung zu ­seiner Frau. Zwar muss der Protagonist eine Krise bestehen, letztlich aber wird ihm kein Haar gekrümmt. Ein wenig ironische Distanz zum Protagonisten hätte dem Buch gut getan. Der Roman beeindruckt aber mit der ­Genauigkeit, mit der er die kleinen Gefühlsregungen aufzeichnet, die am Ende den Umschwung ­bewirken.

Jan Christophersen: Ein ­anständiger Mensch. ­Mare-­Verlag, Hamburg 2019, 349 Seiten, 24 Euro