Das Fußballspiel des Jahres: El Crassico – der politische Lateinamerika-Cup

El Crassico

Eine epochale Partie, die Copa América, findet derzeit in Lateinamerika statt. Wer wird das Spiel gewinnen? Wird die »Hand Gottes« eingreifen? Links kickt gegen rechts, doch wer kann das Mittelfeld dominieren? Einen exklusiven Vorbericht liefert die Jungle World.

Die Heimmannschaft, auf der linken Seite, tritt an mit diesen sieben Spielern:

Im Tor Nicolás Maduro, Präsident von Vene­zuela und Sozialist mit diktatorischen Zügen, muss sein Tor (Amt) ständig verteidigen, weil seine Abwehr ihn im Stich zu lassen droht und ihn ­sowieso niemand außerhalb von Kasernen und bestimmten Zeitungsredaktionen mehr mag. 
Davor Evo Morales, ehemals Präsident von Bolivien. Er sitzt gerade eine Zeitstrafe im Exil in Mexiko (Vorsicht vor Eispickeln!) ab. Kaut ­gerne Kokablätter und hat bei der jüngsten Wahl ­betrogen. Es ist unklar, ob Mitspieler, Gegner, Schiedsrichter und der Fußballverband einer Wiedereinwechslung zustimmen werden. 

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Luiz Inácio Lula da Silva von der brasilianischen Arbeiterpartei trägt wie bei brasilianischen Spielern üblich einen Künstlernamen (Lula); nach langer Sperre (Gefängnis wegen Geldwäsche und Korruption) sucht der ehemalige Spiel­macher der linken Mannschaft (Präsident Brasiliens von Januar 2003 bis Januar 2010) noch seinen Rhythmus.

Miguel Díaz-Canel, Linksaußen des Teams (Präsident von Kuba), bleibt als Nachfolger der berühmten Dribbelkönige Fidel Castro und Che Guevara bislang eher blaß; wurde auch erst nach Anpfiff der kubanischen Revolution ge­boren. 

Allrounder José Mujica, genannt El Pepe, ehemaliger Präsident von Uruguay, war einstmals Star der Wilden Liga, dort bei den Tupamaros, wurde deshalb für 14 Jahre gesperrt (Knast), wechselte in den achtziger Jahren mit seinen Leuten in den regulären Ligabetrieb, wurde 2010 mit dem Frente Amplio (»Breite Front«) Präsident und legalisierte in seiner Amtszeit Cannabis. Gilt als bescheiden, nicht korrupt und pragmatisch. Mag Blumen, Noam Chomsky und den Iran. 

Andrés Manuel López Obrador, genannt Amlo, einst Mitglied des mexikanischen Rekordmeisters (»Partei der Institutionalisierten Revo­lution«, PRI), war aus Unbehagen am Autoritarismus seines Stammvereins 1989 Mitbegründer des fangeführten Clubs »Partei der Demokratischen Revolution« (PRD). Versuchte sich bei der Präsidentschaftswahl 2006 wie einst Günter Netzer im Pokalfinale 1973 selbst einzuwechseln, jedoch ohne Erfolg. Kam 2018 als Ausputzer mit einer Trümmertruppe aus korrupten Gewerkschaftern und anderen doch noch ins Amt. Will dort Korruption bekämpfen und Drogen legalisieren.

Der Rechtsaußen Daniel Ortega, sandinistischer Präsident Nicaraguas, begann seine Karriere als Linksaußen (Guerillakrieg gegen das Regime des Diktators Somoza, im Zuge dessen als Guerillero sieben Jahre im Gefängnis). Nach längerer Pause täuschte er links an, wechselte dann aber auf die rechte Seite (schlug 2018 soziale ­Proteste blutig nieder, mit Hunderten von Todes­opfern) und errang so einen dreckigen Sieg.

Das Team auf der rechten Seite des Kleinfeldes tritt an mit diesen sieben Spielern:

Im Tor als Rückgrat und Kapitän der Mannschaft: Jair Bolsonaro. Der brasilianische Präsident klopft auf dem Spielfeld gern frauenfeindliche, schwulenfeindliche und rassistische Sprüche, verteidigt die brasilianische Militärdiktatur (1964 bis 1985) und ist ein harter Spieler. Er gilt als gläubiger Katholik und Lichtgestalt der ­südamerikanischen Rechten (zweiter Vorname »Messias«). 

Juan Guaidó, eigentlich kein Rechter, fungiert aber als Joker seines Teams, seit er sich selbst als Interimspräsident Venezuelas einwechselte. Im April 2019 wurde Guaidó vom US-amerika­nischen Nachrichtenmagazin Time in der Kategorie »Führer und Revolutionäre« in die Top 100 gewählt. Er ist aber irgendwie weder Führer noch Revolutionär noch Fußballer. ­Erwägt deshalb eine neue Karriere als Barack-Obama-Double. 
Jeanine Áñez, als bolivianische Übergangspräsidentin neueste Verpflichtung von Team rechts, ist die einzige Frau im Spiel. In ihrer neuen Nachwuchsmannschaft (Kabinett) ist die indigene Bevölkerungsmehrheit gar nicht vertreten. Sie beging gleich nach ihrer Einwechslung ein rotwürdiges Foul, als sie Evo Morales einen »armen Indio« nannte, und muss dafür womöglich bald vom Platz. 

Lenín Moreno, Präsident von Ecuador. Vorgeschichte und Vorname sind links, Moreno hat dann aber die Seiten gewechselt. Ließ bei den jüngsten Protesten über 200 Menschen fest­nehmen und musste zeitweilig die Heimspiele seiner Regierung von der Hauptstadt Quito nach Guayaquil verlegen. Im April 2019 kündigte Moreno dem Wiki­leaks-Gründer Julian ­As­sange das diplomatische Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London, das Morenos ­Vorgänger Assange gewährt hatte. Der Videoschiedsrichter im Kölner Keller versucht noch ­immer herauszufinden, ob das Vorgehen regelkonform war. 

Sebastián Piñera, steinreicher Präsident von Chile, bräuchte gar nicht mehr selbst zu spielen, da ihm als Hauptaktionär CSD Colo-Colo, der sportlich erfolgreichste Verein des Landes, gehört; er gilt deshalb auch als Berlusconi Chiles. Holte gegen regierungskritische Proteste wegen niedriger Löhne sowie hoher Kosten für Bildung und Gesundheit die südamerikanische Blutgrätsche raus (zahlreiche Tote). Ist Fan der knüppelharten Spielweise des früheren Diktators Augusto Pinochet.

Iván Duque, kolumbianischer Präsident. Könnte mit seinen 43 Jahren noch bei der U-45-Meisterschaft spielen; würde gerne den Friedensvertrag mit der linken Guerilla Farc entsorgen und plant, neue Spezialeinheiten ins Spiel zu bringen, die dann die dritte Halbzeit bestimmen sollen. 
Jimmy Morales, guatemaltekischer Staatspräsident, ist als ehemaliger Komiker sozusagen der Lukas Podolski seines Teams, im Gegensatz zum katholischen »Poldi« aber evangelikal. Steht nicht gerade für das schöne Spiel (befürwortet die Todesstrafe, lehnt Abtreibungen ab und leugnet den Genozid an den Ixil-Maya).

Stimmen zum Spiel:

Ronaldinho, bürgerlich Ronaldo de Assis Moreira, brasilianische Fußballerlegende und Leiter des Fanclubs von Jair Bolsonaro. Unterstützt Team rechts mit dem Slogan: »Für ein besseres Brasilien.«

César Luis Menotti, argentinische Trainerlegende, unterstützt Team rinks: »Beim rechten Fußball wird viel von Opfern und Arbeit geredet. Er wirft den Blick nur auf das Resultat, er degradiert die Spieler zu Söldnern des Punktgewinns.« Der linke Fußball hingegen, den ­Menotti als Gegenkonzept immer wieder auf den Rasen zu bringen versuchte, »feiert die Intelligenz, er schaut auf die Mittel, mit denen das Ziel erreicht wird, er fördert die Phantasie«.