Myriam Barros Grosso, Vorsitzende von »Las Kellys«, im Gespräch über den Kampf für Rechte von Reinigungskräften in der spanischen Hotelbranche

»Wir sind nicht mehr unsichtbar«

Auch Urlauber können etwas tun, um den Kampf der »Las Kellys« zu unterstützen. Sie sollten etwa darauf achten, dass die Hotels, die sie buchen, die Reinigungskräfte nicht über externe Firmen und Zeitarbeitsunternehmen ausgelagert haben, sagt Myriam Barros Grosso. Ein Gespräch über Massentourismus und Prekarisierung.
Interview Von

Ich habe zuvor mit einer Ihrer Kolleginnen in Cádiz (Andalusien) gesprochen, die anonym bleiben wollte wie die meisten »Kellys«, da eine ­öffentliche Stellungnahme mit der Gefahr einer Entlassung und von Repressalien durch den Arbeitgeber einhergeht. Haben Sie keine Angst vor Konsequenzen?

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Ich bin seit 2016 als Mitbegründerin der »Las Kellys« in unserem Kampf für bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen aktiv. Und ich kann es mir erlauben, öffentlich mit meinem Namen und ­Gesicht zu unseren Forderungen zu stehen, da ich neben dem Beruf als Zimmermädchen auch noch eine weitere Arbeit habe. Das gibt mir Sicherheit, da ich nicht zu 100 Prozent von der Anstellung abhängig bin. Zudem bin ich im Betriebsrat, wodurch ich Kündigungsschutz genieße. Es müsste schon ein grobes Fehlverhalten meinerseits für eine Kündigung vorliegen. Der Kampf für unsere Rechte und das Aufzeigen von Missständen zählt keinesfalls zu Kündigungsgründen.

Was ist Ihre Bilanz des Einsatzes von »Las Kellys« in den vergangenen drei Jahren?

Der Kampf war extrem intensiv und kraftraubend. Wir mussten dabei auch viel Persönliches zurückstellen und ­erlitten Verluste. Unser wichtigster Erfolg ist, dass wir nicht mehr unsichtbar sind und dass unsere Anliegen mittlerweile auch von der Politik als Prio­rität angesehen werden. Das ist uns in vergleichsweise kurzer Zeit gelungen. Die neue Regierung, die in Spanien vor der Amtseinführung steht (eine Minderheitsregierung aus der sozialdemokratischen Partei PSOE und dem linken Bündnis Unidas Podemos, Anm. d. Red.), hat das, was uns am dringlichsten erscheint, auf ihrer Agenda: in erster Linie eine Reform des Arbeitnehmerstatuts und das Recht für Zimmermädchen, in Frührente zu gehen. Das sind unsere Prioritäten. Die Umsetzung auf politischer Ebene verläuft leider sehr langsam und es liegt noch ein weiter Weg vor uns. Sie haben uns wahrgenommen, uns zugehört und nun bleiben wir wachsam, ob die Versprechen, die uns gemacht wurden, auch eingehalten werden. Dafür gilt es auch, unseren Kampf vor die EU-Institutionen zu tragen und uns international zu vernetzen.

Der Vorsitzende von Unidas Podemos (UP), Pablo Iglesias, hat in der Wahldebatte im Fernsehen »Las Kellys« an erster Stelle der Organisa­tionen für soziale Rechte erwähnt.

Iglesias war es, der unsere Forderungen in das Wahlprogramm der Partei aufgenommen hat, und er hat auch dafür gesorgt, dass die Reformen, die uns »Kellys« wichtig sind, im ersten Übereinkommen für eine Koalitionsregierung mit dem PSOE festgeschrieben wurden. Wir hoffen, dass diese Punkte verwirklicht werden, sobald die Regierung vereidigt ist. Wir »Kellys« sind ­jedenfalls sehr hoffnungsvoll und glücklich, dass wohl eine linke Regierung kommt.

Welches Verhältnis haben »Las Kellys« zu den Gewerkschaften? Stehen sie den Anarchosyndikalisten der Confederación Nacional del Trabajo (CNT) nahe?

Das hängt von der Provinz ab, in der wir in Spanien aktiv sind. Die CNT hat nicht in allen der 50 Provinzen (und den autonomen Städten Ceuta und Melilla in Nordafrika, Anm. d. Red.) eine Vertretung. In einigen arbeiten wir mit ihr zusammen, in anderen mit der ebenso anarchosyndikalistischen CGT (Confederación General del Trabajo), aber auch mit lokalen Kleingewerkschaften; nicht zuletzt haben wir in einzelnen Städten unsere eigenen Gewerkschaften gegründet. Das hängt von der Organisation und den Mitteln ab, die wir lokal zur Verfügung haben. In der ­Region Asturien ist unsere Vertreterin mittlerweile selbst Anwältin und kümmert sich um die Verfahren, die wir gegen Arbeitgeber anstrengen. Auf Lanzarote, wo ich tätig bin, geht es uns ähnlich. Wir haben schon derart viele Anzeigen gestellt und Erfahrung gesammelt, dass wir uns bei den Verfahren selbst vertreten.

Vor wenigen Wochen gingen Sie mit einem Fall an die Presse, bei dem ein Hotelgast auf Lanzarote ­gegen ein Zimmermädchen sexuell übergriffig wurde, und organi­sierten Proteste. Was ist bislang passiert?

Es handelt sich beim Täter um einen Briten und man hat ihn bereits im Schnellverfahren verurteilt. Er muss eine Geldstrafe zahlen und darf sich dem Opfer nie wieder nähern. Das Problem ist in diesem Fall, dass weder die Hotelleitung noch der Betriebsrat dem Opfer Beistand leisteten. Das brachten wir zur Anzeige. Im Dezember beginnt der Prozess gegen die Hotelkette, ­wegen unterlassener Hilfeleistung.

Die Kanaren, Mallorca und Spaniens Mittelmeerküste sind bei Gästen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auch im Winter sehr beliebt. Was können Reisende tun, um Sie zu unterstützen?

Worum wir Urlauber bitten, auch wenn wir zu Kongressen im Ausland geladen sind, ist Folgendes: Sie sollten darauf achten, dass die Hotels, die sie buchen, die Reinigungskräfte nicht über externe Firmen und Zeitarbeitsunternehmen ausgelagert haben. Die Zimmermädchen, die so unter Vertrag stehen, sind in einem absoluten Ausbeutungsverhältnis. Uns wäre geholfen, wenn man vor der Buchung eine Anfrage stellt, ob die Reinigungskräfte direkt beim Hotel unter Vertrag sind.
Reiseveranstalter wie TUI, Neckermann sorgen weiterhin für Urlauberandrang.

Das Unternehmen Thomas Cook ging hingegen kürzlich in Konkurs. Wie steht es insgesamt um das Tourismusgeschäft und was bedeutet das für die Arbeits­bedingungen?

Für uns ist die Pleite von Thomas Cook ein Beleg dafür, dass das Modell des Pauschal- und Massentourismus vor seinem Ende steht. Uns »Kellys« bringt ein solcher Tourismus nur die Prekarisierung. Man schafft Massen an Touristen zu uns, aber zu welchen Konditionen? Mehr Touristen bedeuten mehr Arbeit zu denselben, prekären Anstellungsverhältnissen. Die Hotel­leitungen erhöhen nicht die Belegschaft, sondern wir müssen in Rekordzeit nicht 15, sondern eben 25 Zimmer ­putzen. Außerdem bieten die großen Reiseveranstalter meist auch Fami­lienpakete an, sprich, es kommen Paare mit vielen Kindern, was noch mehr Arbeit bedeutet. Denn ein Zimmer mit Beistellbetten, das mir nur als Doppelzimmer angerechnet wird, beherbergt eben fünf oder mehr Personen. Aber die Zeit, die mir zur Reinigung zur Verfügung steht, ist dieselbe. Die Kanaren sind absolut vom Tourismus abhängig, doch die Inseln müssen die Wirtschaft diversifizieren und auch im Angebot für Urlauber einen Wandel vollziehen. Wenn der spanische Staat für die Hoteliers, die von der Pleite von Thomas Cook betroffen sind, im Eiltempo finanzielle Hilfen bereitgestellt, dann haben wir nichts davon. Die Arbeitnehmer und Angestellten rettet der Staat nicht, die »Großen« und Banken aber stets prompt. Die Effekte der Pleite von Thomas Cook sind bereits fast amortisiert, andere Anbieter haben eben die Zimmer gebucht. Der Verlust ist nicht so groß, wie die Reiseveranstalter auf den Kanaren es darstellen.

Wie viele Personen sind in Spanien als Putz- und Reinigungskräfte im Tourismussektor angestellt?

Offiziell der Sozialversicherung gemeldet sind etwa 200 000 Zimmermädchen. Wir »Kellys« gehen aber davon aus, dass es doppelt so viele sind, die unter anderen Kollektivverträgen dieselben Tätigkeiten machen, wir nennen sie »verdeckte Zimmermädchen«. Die verdienen oft noch weniger als wir. Wir sind das Rückgrat der Tourismusindustrie, ohne uns haben die ­Unternehmer keine sauberen Zimmer, und damit kein Produkt, das sie verkaufen können.

Was sind mittel- und langfristig die nächsten Ziele für »Las Kellys«?

Wir waren vor kurzem in Deutschland bei einem Kongress in Erfurt, Ende ­November waren wir in Zürich und London. Wir sind gerade dabei, uns auf europäischer Ebene zu organisieren, um unsere Forderungen gemeinsam durchzusetzen, sei es vor der EU oder in Genf. Wir können es uns nicht erlauben, ruhig zu bleiben. Denn mit jedem Tag, an dem wir arbeiten, leidet auch unsere Gesundheit.

Auch in der häuslichen Pflege älterer und kranker Menschen und in vielen anderen Bereichen sind die Konditionen für Arbeitnehmerinnen miserabel. Müsste es mehr Bewegungen wie »Las Kellys« geben?

Mir ist wichtig, zu unterstreichen, dass unser Kampf nicht nur unserer Berufsgruppe und den Zimmermädchen dient. Denn unter den derzeit herrschenden wirtschaftlichen Bedingungen wird eine Schicht von Arbeitnehmern geschaffen, die verarmt und die zugleich Angst haben soll. Diese Arbeitnehmer sollen es nicht wagen zu protestieren und für ihre Rechte einzutreten. Miserable ­Arbeitsbedingungen, Prekarisierung und der Abbau von Arbeitnehmerrechten – das ist etwas, gegen das wir alle gemeinsam vorgehen müssen. Dabei geht es nicht um einzelne Staaten oder Europa und den Westen, sondern die ganze Welt. Unsere Kolleginnen in Bolivien, Chile, Argentinien oder Mexiko stehen vor denselben Problemen, wie sie uns schildern. Die Prekarisierung der Arbeiterklasse ist global.