Demokratie zu Weihnachten

Demokratie und Döner

Kolumne Von

Neben Lesen, Schreiben, Stillsitzen und Stillsein sollen die Kinder bei uns in der Schule ja auch so Demokratiesachen wie Zuhören, Argumentieren und Mitreden lernen. Dafür gibt es den Klassenrat, in dem sie einmal in der Woche zusammensitzen und etwa besprechen, wohin man am nächsten Wandertag gehen möchte, oder auch, wie die zwei Stunden, die die Schul­leitung allen Klassen vor Weihnachten zum gemütlichen Beisammensein eingeräumt hat, verbracht werden sollen. Wenn sich alle ausgesprochen ­haben, gibt es eine Abstimmung, und dann wird das gemacht, was die Klassenleitung vorgeschlagen hat. Meistens jedenfalls.

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Zum Weihnachtsfrühstück der 8a ­allerdings sollte es nach Vorstellung einer überwältigenden Mehrheit der Klasse für alle einen schönen Weihnachtsdöner geben, dazu Cola oder Kakao. Alle Versuche des Sozialpädagogen, den für erwachsene Menschen akzeptablen Teil dieses Vorschlags – Kakao, vielleicht Cola – von dem inakzeptablen Teil – Knoblauch am frühen Morgen – zu trennen, ihn einzeln abstimmen zu lassen und dann Frühstücksbrötchen mit Kakao als Kompromiss zu verkaufen, scheiterten. Das einzige Ergebnis dieser Bemühungen war die Bildung einer neuen, zwar kleinen, eigentlich nur aus Abdul bestehenden, aber sehr lautstarken Frak­tion, die Pizza zum Frühstück und auf keinen Fall Kakao wollte. Weil das, ­obwohl Pizza häufig mit Thymian gewürzt wird, der, wie ich jetzt weiß, nach Abduls Auffassung das weihnachtlichste aller Gewürze ist, auch nicht im Sinne des Sozialpädagogen sein konnte, war ich zunächst ziemlich erstaunt, als dieser plötzlich mit großer Überzeugungskraft begann, die Idee der Weihnachtspizza zu unterstützen, als wären es nicht er und ich, die nach der Feier den Schmelzkäse von den Schulbänken kratzen und die Tomatensoße vom Smartboard wischen müssten.

Aber ich bin immer viel zu naiv, weswegen ich alles erst später verstand, als die Pizza-und-Cola-Fraktion sich zu Abduls großer Freude zunächst verdreifacht, dann verdoppelt und dann gleich noch mal verdreifacht hatte und alle sich anschrien und die Klasse drohte, sich der Pizza-oder-Döner-Frage wegen höchst unweihnachtlich aufs Maul zu hauen und also der Sozialpädagoge traurig mitteilte, dass, wenn die Klasse hier überfordert sei und sich nicht demokratisch einigen könne, er wohl einfach vorgeben müsse, was gegessen werde. Er habe da zum Beispiel Frühstücksbrötchen im Sinn. Da begriff auch ich, was es hier alles zu lernen gab über die Feinheiten eines demokratischen Systems und darüber, was für ein selten gerissener Hundsfott so ein Sozialpädagoge ist. Es wurde dann übrigens noch eine sehr schöne Weihnachtsfeier mit Frühstücksbrötchen, Kisir, Kakao und ­Erdbeermarmelade, die der Sozialpädagoge und ich anschließend einträchtig vom Smartboard wischten.