Homestory #2

Homestory

Fünf Jahre liegt das Massaker in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo zurück. Fünf Jahre ist es her, dass die zwei vermummten Jihadisten mit Kalaschnikows nach dem Gemetzel riefen: »Wir haben Charlie getötet«, und: »Wir haben den Propheten Mohammed gerächt.«
Dem Propheten ist es egal, was die Killer phantasierten, er ist lange tot. Auch die beiden Jihadisten haben ihre Morde nur um wenige Tage überlebt. Charlie Hebdo aber lebt weiter.

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»Es war vor fünf Jahren, es war vor einem Jahrhundert, es war gestern«, heißt es in Erinnerung an den 7. Januar 2015 auf der Website der Satirezeitschrift. »Charlie Hebdo, diese Zeitung, die weder Ehrungen noch Gedenkfeierlichkeiten mag, ist dazu verdammt, an jedem 7. Januar beide über sich ergehen zu lassen. Charlie, Jahr 05, vergisst nichts und fährt fort. Zu zeichnen, zu schreiben, zu reden, zuerst über unsere Steckenpferde: die Zeichnung, die Karikatur, die Zensur.«

Der redaktionelle Text erinnert zunächst an die Ermordeten, an Cabu, Elsa Cayat, Charb, Honoré, Bernard Marris, Mustapha Ourrad, Tignous, Wolinski, Michel Renaud und Franck Brinsolaro. Danach verweist er auf die neuen Bedrohungen der liberté d’expression, die mit »Recht auf freie Meinungsäußerung« nur unzureichend übersetzt ist: die neue Zensur des »herrschenden tyrannisch Korrekten«, wie es der Anwalt von Charlie Hebdo, Richard Malka, ausdrückt.

Der Grund dafür ist einfach. In den vergangenen fünf Jahren waren es keineswegs mehr lediglich als blasphemisch bewertete Karikaturen, beispielsweise des Propheten, die Charlie Hebdo Todes­drohungen einbrachten; jede falsch verstandene oder nach abenteuerlichen Kriterien interpretierte Karikatur kann mittlerweile in den »sozialen Medien« den gleichen Zweck erfüllen. »Wir haben geglaubt, dass einzig die Religionen den Wunsch hatten, uns ihre Dogmen zu oktroyieren. Wir haben uns geirrt«, heißt es im Editorial der neuen Ausgabe. »Gestern sagten wir ›Verpiss dich‹ zu Gott, der ­Armee, der Kirche, dem Staat. Heute muss man lernen, ›Verpiss dich‹ zu den tyrannischen Vereinigungen, Nabelschau betreibenden Minderheiten, den Bloggern und Bloggerinnen zu sagen, die uns wie kleine Schulmeister auf die Finger klopfen.«

Fünf Jahre ist es her, dass auf einer Redaktionssitzung Ihrer kleinen, aber feinen Lieblingszeitung der entsetzte Ruf »Bei Charlie Hebdo wird geschossen« ertönte. Long live Charlie! Charlie akbar!